20 Juni 2009
Love's an excuse to get hurt
Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass ich in dieser Zeit nicht unbedingt faul war. Ich habe einiges geschrieben und auch die Texte, die ich heute online stelle, sind eigentlich schon lange fertig. Allerdings hatte ich in letzter Zeit immer das Gefühl, nicht richtig auf dem Punkt zu sein. Als würde ich die Gefühle und Gedanken, die ich vermitteln will, nicht genau formulieren können. Ich habe mir dann immer vorgenommen, diese Texte noch einmal zu überarbeiten und sie so näher an das zu bringen, was ich eigentlich geplant hatte. Allerdings hat auch das nicht wirklich funktioniert und deshalb stellt ich die Texte jetzt einfach ein. Zurzeit bekomme ich es nicht besser hin.
Außerdem liefen auch ein paar andere Sachen nicht gerade perfekt, aber das muss ich wohl nicht weiter erläutern, denn das kann man auch erraten, wenn man die Themen der beiden neuen Geschichten betrachtet. Oder die Überschrift ...
Hier also die zwei Texte:
Ewige Liebe: Es stellte sich mir die Frage, ob Romantik tatsächlich existiert oder vielmehr nur eine Vorstellung ist. Eine Art Traum, der irgendwann Einzug in die Fantasie der Menschen gehalten hat und seither durch unsere Geschichten und Lieder am Leben erhalten wird. Und höchstens dann einen Platz in der Realität findet, wenn zwei Menschen sich finden, die beide von dieser Vorstellung gehört haben und jetzt versuchen, sie in ihr Leben einzubringen.
Ende: Ein weiterer Text zu meiner Kurzgeschichtenreihe. Aber keine Angst, es ist noch nicht der letzte.
Ewige Liebe
Nur wenige Schritte später hatte er den Strand endgültig erreicht und nicht weit vor ihm breitete sich das Meer endlos aus. Salziger Geruch strömte in seine Nase, seine Ohren wurden von dem sanften und gleichmäßigen Rauschen erfüllt. Er blieb stehen. Seine Beine waren müde geworden. Vor allem die letzten Meter durch den Sand hatten ihm zugesetzt.
Es war ein düsterer Spätsommertag. Über dem Meer hing eine fleckige Wolkendecke, die nur aus Grau und Weiß bestand. Die Sonne stand schon tief und war nur durch einen besonders hellen Fleck in den Wolken zu erkennen. Seine Augen tränten leicht, als er in diese Richtung blickte. Die Sicht war trübe und die Farben hatten all ihre Kraft verloren. Er blickte am Ufer entlang in die Ferne und konnte dort nur erahnen, wo die Trennlinie zwischen Sand und Wasser war. Kein Mensch war zu sehen.
Er setzte sich wieder in Bewegung. Nur ein paar Meter entfernt hatte er einen verwitterten Baumstamm entdeckt, der hier wohl einmal als Treibholz angeschwemmt worden war. Der Wind blies ihm jetzt in die Seite und zerzauste seine Haare, doch es störte ihn nicht. Es fühlte sich vielmehr gut auf seiner Haut an. Beim Baumstamm angekommen ließ er sich erschöpft darauf nieder und verharrte dann, den Blick auf das Meer gerichtet. Fast verträumt beobachtete er einige Momente die kleinen aber hektischen Bewegungen der Wasseroberfläche, bevor er den Mut fand, in sein Inneres zu horchen. Ganz sanft richtete er seine Konzentration erst auf sein Herz, danach auf seine Gedanken. Ein glückliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht und erfüllte es mit Leben. Er fühlte sich gut. Es war das erste Mal, seit diesem Tag, an dem sein Lebensweg plötzlich ins Leere geführt hatte.
Etwas mehr als eine Woche war es her. Es hätte ein schöner Tag werden sollen. Der erste Tag seines Urlaubs, von dem er sich erhofft hatte, er könnte viel Zeit davon mit ihr verbringen.
Sie. Er kannte sie etwas mehr als ein halbes Jahr. Erst waren sie nur befreundet gewesen, doch es hatte sich mehr daraus entwickelt. Zumindest für ihn. Und er hatte geglaubt, bei ihr das gleiche zu sehen. Die viele Zeit, die sie miteinander verbrachten. Wie sie sich alles anvertrauten. Das Gefühl, dass sie einander in gleichem Maße brauchten.
Schlussendlich hatte er all den Mut zusammen genommen, den er hatte aufbringen können. Es hatte zumindest so weit gereicht, um ihr einen Brief zu schreiben, in dem er ihr seine Gefühle offenbart hatte. Er hatte mehrere Tage daran geschrieben. Hatte ja nichts vergessen wollen.
An diesem ersten Urlaubstag hatten sie sich getroffen. Er hatte den Brief bei sich, war sich aber noch immer nicht sicher gewesen, ob er ihn ihr geben würde. Doch das Zusammensein mit ihr war wieder so unglaublich schön gewesen, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Beim Abschied hatte er den Brief hervorgezogen. Sein Stimme hatte leicht gezittert, als er ihr erklärt hatte, dass er noch etwas für sie habe. Sie hatte den Brief entgegen genommen. Ein Lächeln war auf ihren Lippen erschienend und es war ihm gewesen, als hätte sie bereits gewusst, was darin stehen würde und als hätte sie mit diesem Lächeln schon gesagt, dass sie ebenso empfand.
Er hatte den ganzen Abend gewartet und auf einen Anruf oder ein anderes Zeichen gehofft. Nichts war geschehen. Der nächste Tag war gekommen. Er war zu Hause geblieben, hatte auf ihre Reaktion gewartet. Wieder nichts. Gegen Abend hatte er einen ersten, zaghaften versuch gewagt, nachzufragen, was los sei. Er hatte ihr eine SMS geschickt. Auf eine Antwort hatte er vergeblich gewartet. Am nächsten Tag hatte er es mit Anrufen versucht, doch niemand hatte sich gemeldet.
Weitere Tage waren vergangen. Er hatte es nicht mehr gewagt, sie anzurufen oder sie auf andere Weise zu bedrängen. Auch sie hatte sich nicht gemeldet. Niemand hatte sich gemeldet. Vielleicht hatte er in den Monaten davor seine Freunde zu sehr vernachlässigt.
Und während er in seiner stillen Wohnung auf irgend ein erlösendes Ereignis gewartet hatte, hatte ihn mehr und mehr die Gewissheit erfüllt, dass es das gewesen war. Er hatte sie verloren. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Keine Erklärung. Keine versöhnlichen Worte zum Abschied. Sie hatte sich voll und ganz von ihm und seinen Gefühlen abgewandt.
Die weiteren Tage hatte er ebenfalls in seiner Wohnung verbracht. Nur wenn es unbedingt nötig war, war er kurz rausgegangen um einzukaufen oder den Müll rauszubringen. Dazwischen war er durch seine kleinen Räumen geschritten und hatte sich Gedanken gemacht, viele Gedanken. Über sie. Über ihn. Darüber, was er falsch gemacht hatte.
Doch anstatt zu einem Ergebnis zu kommen, hatten sich all diese Gedanken nur immer mehr in seinem Kopf angesammelt, sich ineinander verheddert und ihn mehr und mehr durcheinander gebracht. Heute Mittag hatte er es nicht mehr ausgehalten. Er hatte das dringende Gefühl, dass seine Gedanken mehr Platz brauchten. Und so war er ins Freie gestürmt und losgegangen. Auf dem Weg hatte er den Faden seiner Gedankengänge langsam aufgedröselt. Nach und nach hatte er einen der Gedanken der letzten Tage in den Griff bekommen und diesen jedes Mal unbeachtet auf die Straße, in die Wiese oder den Sand geworfen. Er hatte mit all dem nichts mehr zu tun haben wollen.
Und nun, am Strand, trübte tatsächlich keiner dieser Gedanken mehr seine Stimmung. Nein, als er in sein Inneres geblickt und zum ersten Mal seit Tagen wieder Glück verspürt hatte, war da nur ein einziges Bild in ihm gewesen. Es war sie, die bereits seit Monaten den Mittelpunkt seines Denkens bildete. Nach und nach war ihr Bild unter all den Gedanken aufgetaucht und jetzt stand es wieder so vor ihm, wie er es in Erinnerung hatte, bevor alles schief gegangen war. Wie ein warmes, goldenes Licht spürte er die Liebe, die er immer noch für sie empfand, von diesem Bild ausgehen. Erinnerungen an ihre gemeinsamen Stunden tauchten auf, kreisten um ihr Bild und verschwanden wieder. Das Gefühl der Liebe wurde immer stärker in ihm. Sein Herz füllte sich mit Wärme. Ruhe breitete sich in ihm aus.
Wind zerzauste seine Haare und wehte um sein Gesicht, das regungslos in einem Ausdruck von Glück und Zufriedenheit verblieb. Im Hintergrund sank der helle Fleck der Sonne immer mehr dem Horizont entgegen und das Licht wurde allmählich schwächer.
Er fühlte jenes Glück in ihm aufsteigen, das er durch sie gefunden hatte. Noch nie hatte er eine Liebe gespürt, wie die, die sie in ihm ausgelöst hat und er glaubte auch nicht, dass er jemals wieder etwas derartiges finden würde. Er hatte das Schönste gesehen und erlebt, was es auf der Welt gab. Was wollte er mehr? Allein die Erinnerung daran bescherte ihm mehr als genug Glück. Alles, was jetzt noch kommen würde, würde diese Erinnerung nur verschütten, wie es schon einmal fast passiert war. Das wollte er nicht. Nein, das wollte er nicht.
Kurz kehrte er mit seinen Gedanken zurück in die Gegenwart und blickte mit den Augen an der Uferlinie entlang. Zum ersten Mal bemerkte er ein leichtes Frösteln auf seiner Haut, doch es störte ihn nicht. Er wollte hier bleiben, an diesem Ort. Wo nur die ewig gleichmäßigen Bewegungen der Wellen und der Wolken ihn ablenken konnten und wo er in Gedanken bei seiner einzigen großen Liebe verharren konnte. Er brauchte nichts und niemanden und er brauchte nie mehr etwas anderes. Das hier würde ihm für immer genügen.
Er zog sich wieder in sich zurück. Während die Sonne langsam unterging, verharrte er weiter in der gleichen Haltung, noch immer mit dem selben Gesichtsausdruck. Man hätte tatsächlich meinen können, er würde bis in alle Ewigkeiten regungslos an diesem Ort verweilen. Schlussendlich ging die Sonne ganz unter und die Szenerie verschwand in beinahe vollkommener Dunkelheit. Kein Mondlicht drang durch die Wolkendecke. Nur in seinem Inneren war weiterhin dieses Licht, das ihn die Dinge sehen ließ, die für ihn wirklich wichtig waren.
Es war einer der ersten Abende, die wir zusammen verbracht haben. Wir standen an der Ecke, an der sich unsere Wege trennten, und unterhielten uns. Unsere Stimmen und unser Lachen hallten von den Häuserwänden der leeren Stadt wider. Wir vergaßen die Zeit und der letzte Bus war längst abgefahren, als wir zum ersten Mal daran dachten, auf die Uhr zu sehen.
Ich habe sie bis zu ihrer Wohnung begleitet. Vor der Haustür musste ich kurz daran denken, wie eine solche Szene typischerweise in Filmen aussieht. Aber meine Gefühle waren damals noch anders gewesen und ich habe mir nichts erwartet. Sie hatte mir eine gute Nacht gewünscht und ich war umgekehrt, den ganzen Weg zurückgelaufen und dann noch einmal etwa gleich weit in die andere Richtung. Keinen Schritt davon habe ich bereut.
Mit lautem Gelächter sind wir durch den Sturm gerannt. Ein Freund hatte uns in sein Ferienhaus zu einer Party eingeladen. Während wir über Feldwege dorthin unterwegs waren, wurde der Wind immer stärker und als das Haus schon in Sichtweite kam, spürten wir die ersten Regentropfen auf der Haut. Um nicht nass zu werden, rannten wir querfeldein los. Schwer atmend und immer noch lachend standen wir vor der Tür und sie erkundigte sich bei mir, ob ihre Frisur noch in Ordnung war. Mit unsicheren Bewegungen beförderte ich die blonden Strähnen, die durcheinander geraten waren, wieder an die richtigen Stellen. Dabei freute ich mich darüber, dass sie mit mir so vertraut umging, ohne Hintergedanken. Doch gleichzeitig habe ich in diesem Moment zum ersten Mal das angenehme Gefühl wahrgenommen, das ihre Nähe fortan in mir auslöste.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach einer langen Nacht mit dem Bus in die Stadt zurück. Sie war sehr müde und während der Fahrt schloss sie die Augen und schlief wenig später ein. Den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, das Licht der Morgensonne auf ihren Wangen. Ihr friedlicher Gesichtsausdruck brachte mich zum Lächeln und die ganze Fahrt über betrachtete ich sie und hatte das Gefühl, auf eine besondere Art mit ihr verbunden zu sein.
Ein lauer Sommerabend im Stadtpark. Ziellos wandelten wir durch die Dunkelheit. Über uns rauschte der Wind im Blätterdach der Bäume. Sie ging in eine der Wiesen und ließ sich dort nieder und ich setzte mich ihr gegenüber. Zwischen uns waren an diesem Abend nicht viele Worte gefallen. Sie zog ihr Handy heraus und drückte darauf herum. Ihr Gesicht wurde vom schwachen Licht des Displays erhellt und ich war von ihrer Schönheit fasziniert. Wie gefangen betrachtete ich ihr konzentriertes Gesicht, bis sie plötzlich ihren Kopf hob und sich unsere Blicke trafen. Für ein paar Momente war ich in ihren Augen versunken, bis auf ihrem Gesicht ein Lächeln erschienen und ich …
Die Erinnerung verblasste für einen Moment und er musste sich konzentrieren, um wieder hineinzufinden.
Ihre Augen liebte ich am meisten. In hellem Licht sind sie von einem sehr dunklen Braun. Doch bei schwächerem Licht sind sie vollkommen schwarz und glänzen wie dunkle Edelsteine zwischen ihren Augenlidern.
Erneut begann die Erinnerung zu flackern. Es war ihm, als würde etwas versuchen, sie ihm zu entreißen. Windböen zerrten an seinen Gedanken, an seinen Kleidern. Noch kurz versuchte er, sich an dem Bild ihrer Augen festzuhalten, dann wurde es ihm vom Wind entrissen und in die Dunkelheit der Nacht davongetragen. Unerwartet fand er sich in der Realität wieder. Ein eisiges Frösteln durchfuhr ihn. Seine Zähne klapperten und seine Hände waren schon richtig durchgefroren. Er hätte nie geglaubt, dass es so sehr abkühlen würde. Sein T-Shirt bot ihm kaum Schutz gegen diese Kälte. Er schlang seine Arme um seinen Oberkörper, um wenigstens etwas gegen die Kälte zu unternehmen, doch es half nicht viel. Er hätte sich gewünscht, jetzt jemanden zu haben, an dem er sich hätte wärmen können, doch es war niemand da.
Er war vollkommen einsam. Um ihn Dunkelheit. Von irgendwoher kam ein bedrohliches Rauschen, das in seinen Ohren dröhnte. Angst stieg in ihm auf, während er auf dem Baumstamm zitternd vor und zurück wippte. Vergebens ließ er seinen Blick durch die Nacht schweifen, denn da war auch niemand, der seine Angst hätte mit ihm durchstehen können oder der ihn hätte aufbauen können.
Nach kurzem Überlegen erhob er sich mit steifen Gliedern vom Baumstamm. Seine tauben Hände tasteten unsicher über das verwitterte Holz. Unsicher kletterte er darüber hinweg und legte sich dahinter in den Sand. Auch hier war es kalt, aber zumindest war er etwas vor dem Wind geschützt. Langsam ließ das Zittern nach und während sein Körper allmählich zur Ruhe kam, versuchte er wieder eine seiner Erinnerungen zu erhaschen.
Doch noch bevor ihm dies gelang, spürte er Regentropfen, die nasse Punkte auf seinem T-Shirt und seiner Hose hinterließen. Erst vereinzelt, dann immer häufiger. Wieder war niemand da, der ihn davor schützen konnte. Zusammengekauert lag er unter dem dunklen Himmel, während es über ihm zu regnen begann und der Sand unter ihm nass wurde. Schutzsuchend drückte er sich so nahe wie möglich an den Baumstamm, den einzigen Anhaltspunkt, den er in dieser Dunkelheit hatte.
Nach kurzer Zeit hörte der Regen zum Glück wieder auf, doch die Kälte war nun noch tiefer in seinen Körper gekrochen. Heftiges Zittern schüttelte ihn und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Kälte beherrschte all seine Gedanken. Sein Herz war das einzige, was ihm noch ein wenig Hoffnung und Wärme schenkte, aber es war viel zu wenig, als dass es wirklich etwas ausrichten konnte. Die Zeit schien sich zu dehnen und in ihm stieg das Gefühl auf, er würde tatsächlich schon eine ganze Ewigkeit hier liegen und noch eine weitere Ewigkeit hier liegen müssen. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Verstörende Bilder bevölkerten seine Gedanken, die ihn immer wieder dazu brachten, seine Augen aufzureißen, nur um dann in die undurchdringliche Dunkelheit vor ihm zu starren.
Er musste eingeschlafen sein. Als er die Augen öffnete, stand die Sonne knapp über dem Horizont und schickte ihre ersten Strahlen über das Meer. Mühsam rappelte er sich auf und klopfte sich den Sand von seinen feuchten Klamotten. Aus seinen Händen schien jedes Gefühl gewichen und er fühlte sich müde und kraftlos. Sein Mund war wie ausgetrocknet und sein Magen knurrte. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, machte er sich mit schweren Füßen auf den Weg nach Hause. Es gab nichts, was ihn hier noch hielt. Er war am Ende, kaputt … nur sein Herz, das schien noch immer ein wenig von dieser Kraft in sich zu haben, die er gestern gespürt hatte.
Der selbe Weg, den er gekommen war, führte ihn auch wieder zurück. Er tastete sich an dem Faden entlang, den er ausgelegt hatte. Und trotz seiner schlechten Verfassung, suchte er sorgfältig alle Gedanken zusammen, die er so achtlos von sich geschleudert hatte. Er suchte sie zusammen und wickelte sie um dieses Bild von ihr, das in seinem Kopf war. Mit jedem Stück, das verschwand, kehrte der Schmerz der letzten Tage zurück in sein Herz.
Die Stadt erwachte gerade erst zum Leben, während er durch die noch fast leeren Straßen ging. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, das von seinem Vater für eine Dummheit bestraft wurde, von der es eigentlich selbst hätte wissen können, dass es nicht gut ausgehen würde. Sein Herz lag kalt und schwer in seiner Brust. Mitten in der Stadt setzte er sich auf eine Mauer und betrachtete das Treiben um sich, nahm all die Eindrücke in sich auf. Dabei schien sein Herz ihn unablässig zu fragen, wie er nur zulassen konnte, dass sie langsam aber sicher in Vergessenheit geriet. Aber diesen Schmerz konnte er aushalten. Dieser Schmerz würde ihn nicht zerstören und er würde irgendwann vorbeigehen.
Er musterte die fremden Menschen, die an ihm vorbeikamen, blickte in ihre Gesichter. Es schien, als würde er etwas darin suchen. Währenddessen füllten die Strahlen der Sonne seinen Körper langsam mit Wärme.
Ende
Langsam sinke ich auf mein Bett zurück. In den Laken spüre ich immer noch ihre Wärme, um mich ist immer noch ihr Geruch. Ich schließe die Augen.
Durch das geöffnete Fenster dringen die Geräusche von vorbeifahrenden Autos herein, Menschen unterhalten sich, in der Ferne ist dumpfes Donnergrollen zu vernehmen. Benommen bleibe ich liegen. Minuten? Stunden? Ich weiß es nicht. Nach einiger Zeit höre ich die ersten Tropfen fallen. Anfangs nur vereinzelt, dann immer mehr und mehr und schlussendlich verwandeln sich die einzelnen Geräusche in ein stetes Rauschen.
Schon wieder dieser verdammte Regen, geht es mir durch den Kopf. Der erste wirkliche Gedanke seit sie weg ist. Der letzte Sonnentag scheint Ewigkeiten zurückzuliegen. Immer nur Regen und nochmals Regen. Das einzige, was sich in den letzten Monaten geändert hat, ist, dass es um ein paar Grad kälter wurde, aber das Wetter blieb immer gleich.
Mit dem Regen war ein kühler Wind gekommen, der durch mein Fenster hereinweht, über meine Haut streift und wieder etwas Leben in meinen Körper bringt. Ich öffne die Augen, richte mich auf und mein Blick wandert müde durchs Zimmer. Mein Körper fühlt sich an, als wäre ich gerade erst erwacht. Kurz hoffe ich sogar, dass ich wirklich geschlafen habe und dass dieses Ereignis nur ein Traum war, aber ich weiß, dass alles Realität ist.
Ich frage mich, wie viel Zeit vergangen ist. Draußen ist es deutlich dunkler geworden, das kann aber genau so gut an den Regenwolken liegen. Ich blicke mich nach meinem Handy um. Es liegt auf dem Nachtkästchen. Zu weit entfernt. Ist ja eigentlich auch egal. Alles ist egal.
Ich stütze meine Ellbogen auf meinen Knien ab und lege mein Gesicht in meine Hände. Ich versuche an etwas anderes zu denken. Etwas, was ich jetzt machen könnte. An jemanden, mit dem ich darüber reden könnte. Meine Gedanken greifen ins Nichts.
„Das war’s dann wohl“, kommt es geflüstert über meine Lippen. Meine Stimme hört sich rau und verbraucht an. Ich fahre mir mit den Händen durch meine Haare und spüre, wie ein gequältes Lächeln meinen Mund verzieht.
Ja, das war’s, denke ich mir noch mal, wie um meine eigenen Worte zu bestätigen. So viel hatte ich mir erwartet, so viele Hoffnung hatte ich in sie gesteckt , und jetzt, nicht einmal drei Monate später, ist alles vorbei. Vielleicht hatte ich mir zu viel erwartet …
Wenn ich zurückdenke, waren unsere ersten zwei Wochen die einzige Zeit, die meine Erwartungen wirklich erfüllt haben. Eine Zeit, in der es nur sie und mich gab. Eine Zeit, in der ich mich verstanden gefühlt habe und geliebt. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.
Nie zuvor empfand ich derart viel Glück wie in den Momenten, in denen wir zusammen waren. Meine ganze Welt bestand nur aus ihr. Stundenlang hätte ich dasitzen können und sie betrachten. Ich brauchte weder Gespräche noch sonst etwas, ihre Anwesenheit reichte mir aus. In diesen Augenblicken wusste ich, dass unsere Liebe das einzige war, was wirklich zählte. Und wenn ich in ihre wunderschönen grünen Augen blickte, konnte ich darin sehen, dass sie dasselbe fühlte.
Aber im Nachhinein scheinen mir sogar diese ersten Wochen dumm und verlogen. War es wirklich die Liebe, die damals diese Gefühle in mir auslöste, oder war es doch nur Selbsttäuschung, weil ich mir erhofft hatte, dass es mit ihr so werden würde? Weil ich geradezu erwartete, dass es schön werden würde und mir anfangs nicht eingestehen wollte, dass nicht einmal die Liebe mir das gibt, was ich suche, seit ich denken kann.
Trotzdem spüre ich, wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, wie mein Herz schwer wird. Und vielleicht war es doch nicht nur Selbsttäuschung. Vielleicht war es doch die Liebe, von der jeder spricht. Vielleicht durfte ich doch Liebe erfahren und konnte sie nur nicht halten. Aber woran lag es?
Rückblickend kann ich sagen, dass es vielleicht doch ein Problem war, dass wir uns schon lange kennen. Wie gesagt, anfangs noch nicht, da war alles perfekt, aber mit der Zeit bekam ich das Gefühl, ich würde nur eine Rolle spielen. Zum ersten Mal gestritten haben wir uns deswegen, nachdem wir zusammen auf der Party eines alten Bekannten von uns beiden waren. Die meisten Leute dort kannte ich bereits seit Jahren und seltsamerweise war es mir peinlich, Sarah vor ihnen zu küssen und sie zu behandeln, wie ich es tat, wenn wir alleine waren. Natürlich bemerkte Sarah das, hielt sich während der Party allerdings noch zurück. Aber als wir wieder alleine waren, sprach sie mich darauf an. Wollte wissen, was mit mir los war … Ich konnte es ihr nicht sagen. Und dann fiel zum ersten Mal dieser Satz, den ich später noch oft zu hören bekam. Sie fragte mich: „Liebst du mich überhaupt?“
Es war wahrscheinlich das Schlimmste, das je jemand zu mir gesagt hat. Ich sie nicht lieben? Wo sie doch das Wichtigste war, das ich in meinem ganzen Leben hatte. Wenn ich also jemals einen Menschen geliebt habe, dann sie. Aber diese Liebe kam nicht bei ihr an. Ich versuchte alles, um ihr das zu geben, was sie wollte, aber gleichzeitig konnte ich auch meine eigenen Gefühle nicht ignorieren. Nach diesem ersten Streit machte ich mir viele Gedanken darüber, was Liebe für mich eigentlich war und während ich dieser Frage nachging, bekam ich immer mehr das Gefühl, dass ich nicht wollte, dass unsere Liebe wie jede andere war. Diese fast schon verpflichtenden Begrüßungsküsse, das ständige „mein Schatz“, das Händchenhalten … Das alles empfand ich nicht als richtig und ich fühlte mich in diesen Momenten Sarah immer unglaublich fern. Leider waren es jedoch genau diese Dinge, die für sie extrem wichtig waren und ich konnte ihr nie erklären, warum ich anders empfand.
Ich würde ihr gerne vorwerfen, dass sie nicht genug auf meine Anstrengungen geachtet hat, aber das ist es nicht. Auch sie hat ihr Bestes getan, damit das mit uns gut läuft, aber auch ihre Liebe kam nicht bei mir an. Das einzige Fazit, das ich aus all dem ziehen könnte, ist, das unsere Vorstellungen von Liebe zu weit auseinander lagen. Denn im Grunde genommen haben wir beide alles richtig gemacht. Ich kann ihr keine Schuld geben und nicht einmal mir selbst kann ich irgend einen Vorwurf machen. Und genau das ist es, was mich jetzt derart verwirrt zurücklässt …
Schon seit dem Beginn unserer Beziehung habe ich mir folgende Frage gestellt: Was mache ich, wenn mich die Liebe enttäuscht? Denn dann gibt es nichts mehr auf der Welt, auf das ich hoffen kann. Dann bin ich wirklich verloren. Und jetzt bewahrheitet sich, was ich schon damals dachte. Ich fange an, nach Fehlern zu suchen. Bei mir und vor allem bei ihr. Ich versuche es beim nächsten Mal besser zu machen. Mache mich in Gedanken bereits auf die Suche nach einer neuen Partnerin. Nach der Richtigen, mit der ich diese Liebe länger teilen kann als nur ein paar Wochen.
Aber falls es diese richtige Frau irgendwo gibt und es wirklich Liebe war, was ich in den ersten Wochen mit Sarah erfahren durfte, dann lohnt es sich. Aber wer weiß das schon? Wieder bleibt mir nur das Hoffen und dazu bin ich jetzt nicht in der Lage.
All meine Hoffnungen und Ziele sind zerstört und wirken für mich lächerlich und naiv. Das Einzige, was zurzeit in meinem Leben zählt, ist dieser Schmerz in meinem Herzen, der immer stärker wird und der wahrscheinlich noch lange nicht vergehen wird. Ich könnte versuchen mich abzulenken, an etwas anderes zu denken. Aber das will ich gar nicht. Denn ich weiß, irgendwann wird der Schmerz aufhören. Irgendwann werde ich sie vergessen haben. Die Zeit heilt alle Wunden. Aber ist das nicht das Schlimmste an allem? Denn wenn selbst die wichtigsten Personen im Leben eines Menschen mit genügend Zeit nur mehr schwache Erinnerungen sind, was zählt dann noch?
Was zählt dann überhaupt?
08 März 2009
Don't forget what you've learned, all you give is returned. And if life seems absurd, what you need is some laughter.
Deshalb heute wieder zwei neue Texte:
Brief: Hierbei handelt es sich, wie unschwer am Titel erkennbar, um einen Brief. Da ich mir noch nicht sicher bin, wo ich diesen Text einordnen soll, und es zudem schwer ist, für einen Brief einen Titel zu finden, stelle ich in vorerst unter diesem, zugegebenermaßen äußerst unkreativen, Namen hier ein.
Entstanden ist der Text zu einem Gemeinschaftsprojekt, bei dem Texte zum Thema „Briefe an Dich“ gesammelt wurden.
Bei diesem Text bitte ich übrigens darum, dass nicht zu viel Wunschdenken meinerseits hineininterpretiert wird …
Streben: Wieder ein neuer Teil meiner Kurzgeschichtenreihe. Diesmal habe ich versucht, ein paar „philosophische“ Gedanken in die Geschichte einzubetten und die Entwicklung des Protagonisten dadurch voranzutreiben. Hoffentlich gefällt es.
Brief
ich hätte nie gedacht, dass wir bereits nach dieser kurzen Zeit so weit sein würden. Aber gerade dein letzter Brief hat mir den Mut dazu gegeben, dir heute das zu schreiben, was mir schon nach deinen ersten Zeilen an mich durch den Kopf gegangen ist.
Du hast mir zwei Fragen gestellt. Beide wurden mir in meinem Leben schon sehr oft gestellt und ich habe sie auch jedes Mal so gut es ging beantwortet. Allerdings habe ich zumindest auf die eine davon erst durch dich die richtige Antwort gefunden, nach der ich all die Jahre gesucht habe …
Doch beginnen wir mit der anderen Frage. Du wolltest wissen, wie ich zum Schreiben gekommen bin.
Dazu kann ich sagen, dass es ganz sicher nie mein Plan war, Schriftsteller zu werden. Ich weiß selbst nicht mehr, was mich eines Tages auf die Idee brachte, eine Geschichte zu schreiben.
Natürlich habe ich schon davor viel gelesen und hatte dadurch eine gewisse Beziehung zu Büchern und Texten. Aber daran, das selbst einmal ernsthaft zu betreiben, habe ich wirklich nie gedacht.
Meine ersten Geschichten schrieb ich auch nur für die Schublade, wo sie lange lagen und von niemandem gelesen wurden. Damals gab es mir jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn ich wieder ein paar Gedanken aus meinem Kopf auf Papier bannen konnte. Das war der einzige Grund, warum ich weitermachte.
Irgendwann bekam mein damals bester Freund eine meiner Geschichten in die Hand und las sie schlussendlich auch durch, obwohl ich eigentlich nicht damit einverstanden war. Zu meiner Überraschung gefiel ihm die Story sehr gut und so gab ich ihm auch meine anderen Sachen zum Lesen. Nach und nach bekamen dann weitere Leute aus meinem Freundeskreis von meinem Hobby mit und immer mehr von ihnen lasen mit großer Freude meine Geschichten. Ich gab ihnen immer Kopien und von Zeit zu Zeit bekam ich mit, dass sie ihrerseits anderen Freunden Kopien gaben und so auch Leute Geschichten von mir lasen, die ich überhaupt nicht kannte. Anfangs störte mich das etwas, doch dann sah ich ein, dass es für mich keine Veränderung mit sich brachte und so gewöhnte ich mich daran.
Genauso gewöhnte ich mich an die positive Resonanz. Auch wenn sie anfangs noch schön war, wurde sie mit der Zeit zur Normalität und es war nichts Besonderes für mich, dass meine Freunde meine Geschichte gut fanden. So wurde nach einiger Zeit auch wieder das gute Gefühl, das ich weiterhin beim Schreiben hatte, zum Hauptantrieb für mein Hobby.
Mehr als ein Hobby wollte ich daraus auch nie machen. Es war eine gute Freundin, die heimlich einige Kurzgeschichten von mir an einen Verlag schickte, weil sie der Meinung war, ich müsse einfach mehr daraus machen. Die Geschichten kamen natürlich zurück, da Verlage so etwas selten drucken. Aber zumindest hatte man sich die Mühe gemacht, ein paar davon zu lesen und einen Zettel beigelegt, auf dem stand, wenn ich einen Roman schicken würde, hätte ich vielleicht mehr Chancen.
Meine Freundin sah dies als Bestätigung, während ich immer noch skeptisch war. Trotzdem schrieb ich nun öfters an meinem ersten Roman, mit dem ich im Geheimen schon einige Zeit früher begonnen hatte. Was blieb mir auch anderes? Wie viele andere Geschichten von mir, schrieb sich auch mein erster Roman wie von selbst und ich schickte etwa zwei Monate später eine erste Fassung an den gleichen Verlag.
Ich denke immer noch, dass es hauptsächlich auf sehr viel Glück zurückzuführen ist, aber mein erster Roman wurde sofort genommen. Es musste zwar noch vieles überarbeitet werden, aber er erschien und verkaufte sich auch nicht schlecht.
Das Spiel, das ich schon aus dem Kleinen kannte, wiederholte sich im Großen. Erst war ich überwältigt von den begeisterten Reaktionen, die ich auf mein Werk bekam, doch mit der Zeit legte es sich wieder.
Nach meinem dritten Roman war es dann wieder genau so, wie es bei meinen ersten Werken war, die noch überhaupt niemand zu lesen bekommen hatte. Die schönsten Stunden waren für mich die, an denen ich alleine an meinem Schreibtisch saß und zusammen mit meinen Figuren in eine andere Welt abtauchen konnte. Ich erschuf sie, ließ sie Dinge erleben und irgendwann hatte jede Geschichte ein Ende und ich wusste bei jeder einzelnen, dass ich sie aufschreiben musste.
Auch bei den vielen anderen Verpflichtungen, die mit dem Schreiben gekommen waren, war es immer der Gedanke an diese einsamen Stunden, die mich das alles durchstehen ließen.
Ich spreche sonst nie sonderlich viel, aber wenn ich zu Hause über meinen leeren Blättern sitze, fühle ich mich aufgehoben und verstanden und kann ihnen alles anvertrauen und eins nach dem anderen mit Buchstaben füllen.
Nun komme ich zu deiner zweiten Frage, bei der du wissen wolltest, warum ich denn überhaupt schreibe. Jahrelang habe ich gedacht, dass es genau das ist: Diese mittlerweile unglaublich vielen Stunden, die ich einsam aber glücklich über meinen Papieren gesessen und mir alles von der Seele geschrieben habe, was ich sonst niemandem sagen konnte. Denn auch wenn man es nicht sofort vermuten würde, steckt doch in jeder Geschichte und in jeder Person in meinen Büchern etwas von mir. Ich verarbeite darin kleine Ereignisse und Gedanken, Ängste und Träume. Doch selbst gute Freunde von mir erkannten dies nie. Sie fragten mich selbst oft erstaunt, wo ich nur all die Ideen hernehme, ohne jemals die Anspielungen zu verstehen oder die Parallelen zu entdecken.
So war es, bis mir zwischen den vielen Zusendungen, die ich bekomme, dein Brief in die Hände fiel. Der prallgefüllte Umschlag verwunderte mich etwas und noch mehr überraschte mich das Bündel an beschriebenen Seiten, die ich daraus hervorholte. Etwas skeptisch begann ich zu lesen, doch bereits nach wenigen Zeilen hatte mich dein Brief in seinen Bann genommen und ich las das ganze Bündel in einem durch. Plötzlich sah ich da all die Gedanken und Gefühle offen niedergeschrieben, die ich über die letzten Jahre sorgfältig versteckt und dann beinahe vergessen hatte. Was sonst niemand auch nur erahnt hat, hast du problemlos entschlüsselt. Als hätte ich in einer Art Geheimsprache geschrieben, die nur du und ich verstehen.
Für einen kurzen Moment erfüllte mich das mit Angst. Ich hatte das Gefühl, dass jemand plötzlich in diesen einsamen, geheimen Raum getreten war, den ich mir geschaffen hatte. All das, was ich voller Vertrauen dem Papier preisgegeben hatte, war jetzt plötzlich von einem Menschen vernommen, verstanden und sogar beantwortet worden. Doch ich brauchte nur ein wenig in deinem Brief zu lesen, um diese Angst zu zerstreuen und schon kurz danach erwachte in mir ein anderes Gefühl, ein anderer Gedanke.
Es schien mir mit einem Mal, es wäre genau das passiert, was ich all die Jahre gewollt hatte. Das Schreiben hatte mir zwar eine gewisse Beruhigung verschafft, weil ich die Gedanken damit aus meinem Kopf bekommen hatte, aber ich hatte nie eine Reaktion auf all diese wichtigen Dinge bekommen. Aber da ich niemanden hatte, mit dem ich über all das reden konnte, war mir nichts anderes geblieben als zu schreiben. Zu schreiben, meine Gedanken in die Welt hinauszuschicken und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann von jemandem verstanden werden würden. Natürlich hatte ich diesen Gedanken nie in der Form, aber wenn ich jetzt zurückdenke, dann ist es nur logisch.
Aus diesem Grund kann ich deine Frage folgendermaßen beantworten: Ich habe geschrieben, um dich zu finden.
Ja, ich habe geschrieben … Jetzt, wo ich dich gefunden habe, brauche ich keine Geheimsprache mehr, keine versteckten Andeutungen, keine Doppeldeutigkeiten. Ich will nur noch dir schreiben. Zum ersten Mal in meinem Leben direkt und konkret über das, um was es mir eigentlich geht.
Ja, dir will ich schreiben … vielleicht auch irgendwann mit dir sprechen, dich sehen …
Ich bin froh, dich gefunden zu haben.
Streben
In meiner Wohnung glaube ich noch ihre Stimme zu hören. Ihr Lachen hallt leise von den Wänden wider. Ihr Geruch hängt in der Luft. Wenn ich mich umblicke, blitzt immer wieder ihr Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Sie ist schon vor über einer Stunde gegangen, doch Spuren ihrer Lebhaftigkeit sind in meinen Gedanken zurückgeblieben und wieder einmal wird mir schmerzlich bewusst, wie einsam, farblos und traurig mein Leben ohne sie ist. Nur in ihrer Nähe habe ich das Gefühl, wirklich zu leben.
Fast drei Monate habe ich es ohne sie ausgehalten. In den ersten Tagen hat sie ein paar Mal angerufen, doch ich habe das Klingeln ignoriert. Schlussendlich hat sie es wohl aufgegeben. Ich habe mich von den Plätzen ferngehalten, an denen ich sie hätte treffen können. Hab den früheren Zug genommen, habe in anderen Geschäften eingekauft, habe gemeinsame Bekannte gemieden, … Alles in der Hoffnung, sie irgendwann ganz aus meinem Leben verschwinden zu lassen und sie zu vergessen. Doch je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr wurde mir klar, wie leer mein Leben ohne sie ist, bis mich schlussendlich die Angst überkam, mein Leben könnte sich komplett auflösen, wären erst alle Erinnerungen an sie verschwunden und alle Hoffnung auf sie erloschen.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich keine andere Möglichkeit mehr sah: Ich musste sie zurückbekommen. Meine Finger zitterten, als ich ihre Nummer auf meinem Handy heraussuchte und dann die Taste drückte, um sie anzurufen. Ich war total entkräftet und hatte Angst, ich würde nicht einmal mehr das schaffen. Während es klingelte, war ich darauf vorbereitet, sofort wieder aufzulegen, sollte mich der Klang ihrer Stimme zu sehr treffen. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Nur durch ein einziges Wort von ihr fühlte ich mich mit einem Schlag besser. Das Herzklopfen nahm ab, mein Atem wurde ruhig, meine Finger zitterten nicht mehr. Sofort entstand ein angenehmes Gespräch zwischen uns, als wären die drei Monate gar nicht gewesen. Ich hatte meine Sarah zurück.
Kurz darauf trafen wir uns wieder. Und noch mehr als unser Telefonat machte mir dieses Treffen bewusst, wie sehr ich sie vermisst hatte. Wieder in ihre grünen Augen zu blicken war bei weitem das Schönste, was ich in den letzten Monaten erlebt hatte. Mir war sofort bewusst, dass ich sie noch immer liebte, doch störte es mich nicht. Ich war bereit, mich darauf einzulassen.
Bei diesem Treffen merkte ich auch, dass die drei Monate doch etwas ausgemacht hatten. Natürlich hatte Sarah sofort bemerkt, dass es mir nicht gut ging. Das konnte ich nie vor ihr verbergen. Aber auch wenn ich es nicht direkt benennen kann, reagierte sie anders darauf. Allgemein hatten sich unsere Unterhaltungen verändert, ihre Gesten. Teilweise glaubte ich fast, sie würde auch dieses andere Gefühl in mir sehen, das mein Herz jedes Mal schneller schlagen ließ, wenn ich mit ihr zusammen war. Wenn sie es wahrnahm, dann schreckte sie jedoch in keinster Weise davor zurück, sondern kam vielmehr auf mich zu. Ich konnte nicht anders, als wieder zu hoffen beginnen und bei jedem Treffen mit ihr verwandelte sich diese Hoffnung mehr und mehr von einem substanzlosen Traum zu etwas Greifbarem, das schon bald Realität werden könnte …
Plötzlich enden meine Gedanken, als wäre ich in eine Sackgasse geraten. Meine Augen blicken auf den Tisch vor mir, auf dem noch unsere leeren Gläser stehen. Meine Sinne richten sich auf den Raum um mich, doch Sarahs Anwesenheit ist kaum mehr zu spüren.
Erneut lasse ich mir den letzten Gedanken durch den Kopf gehen. Ich sehe Sarah vor mir. Allein der Gedanken an sie erwärmt mein Herz und zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Nie war mir jemand so wichtig, wie sie. Nie war ich mir bei etwas so sicher, wie bei ihr. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich mir vorstellen will, sie zu küssen oder ihr zu sagen, dass ich sie liebe.
Was sollen plötzlich diese beschissenen Gedanken, geht es mir durch den Kopf. Ich lehne mich nach hinten und fahre mir mit der Hand durch die Haare, mein Blick hilfesuchend an die Decke gerichtet.
Versau das jetzt bloß nicht! Ich weiß selbst, dass ich es mir nie verzeihen würde, wenn ich mir diese Chance entgehen lassen würde. So kurz vor dem Ziel …
Es war doch sie, die du immer wolltest. Es war doch ihre Liebe, nach der du dich all die Zeit sehntest … Ich versuche mir einzureden, dass ich auf dem richtigen Weg bin, aber es will mir nicht gelingen. Genau ein Ziel habe ich noch in meinem Leben und in diesem Augenblick beginnt es plötzlich vor meinen Augen zu verschwimmen und ich bin mir nicht mehr sicher, ob es wirklich das ist, was ich will.
Mir stellt sich die Frage, was mit mir los ist, dass ich nach nichts strebe, dass mir nichts auf dieser Welt wichtig genug erscheint, um es erreichen zu wollen.
Vor allem, wenn ich mich mit Anderen vergleiche:
Jeder hat doch seinen Plan oder seine Wunschvorstellung, wohin sein Leben einmal gehen soll. Sei es das junge Mädchen, das den Traum hat, eine berühmte Sängerin zu werden, oder der empfindsame Poet, der mit seinen Gedichten die Herzen der Menschen erreichen will. Ein anderer junger Mensch sieht all die Probleme auf dieser Welt und strebt eine Karriere in der Politik an, um etwas zu verändern. Der nächste sieht seine Zukunft in der Ferne und wandert in ein anderes Land aus oder er befasst sich mit den Wissenschaften, um vielleicht irgendwann eine entscheidende Entdeckung zu machen. Andere trainieren darauf hin, in irgend einer Sportart Erfolg zu haben und viele stürzen sich in ihre Arbeit und versuchen, sich schnellstmöglich hochzuarbeiten, um später einmal viel Geld zu verdienen.
Doch damit nicht genug. Die Menschheit an sich scheint ihre allgemeingültigen Ziele zu haben. Die Entwicklung muss immer weiter gehen. Alles muss schneller, genauer, schöner und besser werden. Stillstand um keinen Preis.
Bei all dem sind die Menschen ohne weiteres dazu bereit, Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Egal ob es eine einzelne Person oder eine Gruppe ist.
Ich versuche mich in jeden einzelnen von diesen Menschen hineinzudenken, doch es gelingt mir nicht einmal ansatzweise. Nicht nur, dass ich ihre Träume nicht nachvollziehen kann. Vielmehr kann ich mir nicht vorstellen, wie sie sich mit ihrem Ziel derart sicher sein können, dass sie dafür andere Dinge aufgeben.
Ich kenne in meinem Leben nur eine einzige Sache, die ich für erstrebenswert erachte. Und obwohl ich nichts dafür aufgeben müsste, scheue ich jetzt, wo ich kurz vor dem Erreichen dieses Zieles stehe, davor zurück. Mit einem Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich das bekommen werde, was ich mir erhoffe. Aber wie könnte ich mir auch sicher sein. Im Grunde genommen habe ich nicht die geringste Ahnung, was es bedeuten würde, mit Sarah zusammen zu sein.
Außerdem beschäftigt mich in diesem Moment noch eine andere Frage: Was, wenn ich zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort geboren wäre? Wenn ich Sarah nie kennengelernt hätte, hätte ich mein ganzes Leben dann ohne Hoffnung und ohne Träume durchleben müssen? Was wäre aus der jungen Sängerin geworden, die berühmt werden will, in einer Zeit, in der es noch gar keine Stars gab? Was wäre aus dem angehenden Wissenschaftler geworden, wäre er in einer Region geboren, in der er ein dafür erforderliches Studium nicht hätte absolvieren können? Wären diese Menschen ihrer Träume beraubt gewesen? Oder wäre es vielmehr so gewesen, dass sie auch in diesem anderen Leben ein anderes Ziel gefunden hätten, dass sie angestrebt hätten? Hätte auch ich etwas gefunden, an das ich mich in gleichem Maße geklammert hätte, wie ich es jetzt bei Sarah mache?
Mir wird leicht schwindelig, während ich an all die Möglichkeiten denke, die sich mir in meinem Leben geboten haben und die ich nie ausprobiert habe. Sie alle hätten mich auf einen Weg führen können, der schlussendlich mein persönlicher Traum hätte werden können.
Diese beiden Ungewissheiten bringen mich fast zur Verzweiflung: Zum einen weiß ich nicht, was ich überhaupt bekommen werde, wenn ich mein Ziel erreiche, und zum anderen werde ich erdrückt von der Last all der ungeahnten Möglichkeiten, die überall da draußen auf mich warten.
Ich halte in meinen Gedanken inne, lege meine Hände auf den Tisch vor mir und lasse dann meinen Kopf darauf sinken. Neben all diesen Zweifeln und all diesen nebulösen Ahnungen muss es doch auch etwas geben, dessen ich mir sicher bin und das ich klar benennen kann. Ich horche in mich hinein und nach einigen Augenblicken gelingt es mir, mich wieder an das zu erinnern, was mich dazu gebracht hat, mich in diesem Maße auf Sarah zu konzentrieren: Ich muss wieder daran denken, dass ich mich nur in ihrer Nähe wirklich lebendig fühle und dass es nichts und niemand anderen auf dieser Welt gibt, der auch nur ein ähnliches Gefühl in mir ausgelöst hat. Und ich muss daran denken, wie wundervoll es wäre, dieses Gefühl nicht nur selten, sondern am besten täglich zu spüren … vielleicht sogar noch intensiver als bisher. Entscheidend ist schlussendlich aber wohl ein anderer Gedanke und ich blicke auf, in dem Moment, in dem er mir durch den Kopf geht: Wenn ich daran denke, mit Sarah zusammen zu sein, kann ich mir vorstellen, dass ich dadurch tatsächlich vollkommen glücklich sein könnte.
Nach diesem Gedanken beginne ich mit einem Mal, alles klarer zu sehen. Als hätte ich den Schlüssel zu meinen Fragen gefunden. Noch einmal versuche ich mich in die anderen Menschen hineinzuversetzen und nun bin ich mir sicher, dass ich mit meinen Zweifeln nicht alleine dastehe.
Immerhin weiß der Arme genau so wenig, was es heißt, reich zu sein, oder das Mädchen, wie es wäre, eine berühmte Sängerin zu sein und auch der Auswanderer kann sich nicht sicher sein, was ihn in diesem anderen Land erwarten wird. Ihnen allen geht es wie mir, sie können nur ahnen, was ihnen ihr Wunsch bringen wird.
Vielleicht ist jedoch gerade das der Grund, weshalb sie sich sicher sind, ihren Traum gefunden zu haben. Entweder weil sie genau das Gegenteil von ihrem Ziel haben und davon ausgehen, dass es andersherum besser wäre. Zum Beispiel der unbekannte Dichter, der gerne beachtet werden würde. Oder vielleicht weil sie irgendwann einmal im Kleinen das gefühlt haben, von was sie jetzt im Großen träumen. Das könnte die junge Sängerin sein, die bei einer Schulaufführung gesungen und es genossen hat, auf der Bühne zu stehen.
Kurzzeitig empfinde ich eine gewisse Zufriedenheit bei dem Gedanken, dass die Ziele der anderen gar nicht unbedingt klarer sind als meine. Dass ich nur, wie so oft, zu viel über all diese Dinge nachdenke …
Noch einmal komme ich zu meinem Gedanken zurück, der mir die Augen geöffnet hat:
Wenn ich daran denke, mit Sarah zusammen zu sein, kann ich mir vorstellen, dass ich dadurch tatsächlich vollkommen glücklich sein könnte.
Wieder und wieder lasse ich mir diesen Satz durch den Kopf gehen und immer mehr habe ich das Gefühl, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt.
Könnte nicht jeder anstelle von Sarah seinen ganz persönlichen Traum einfügen? Hat nicht auch der Arme die Vorstellung, er könnte mit mehr Geld glücklicher sein? Die junge Sängerin, wenn sie berühmt wäre? Der politisch interessierte Jugendliche, wenn er wirklich etwas verändern könnte?
Strebt nicht jeder etwas an, dass ihn aus seiner derzeitigen Unzufriedenheit heben könnte oder etwas, dass ihn jetzt schon glücklich macht und von dem er sich noch mehr erhofft?
In diesem Moment glaube ich, das einzig Sichere in all dieser Ungewissheit gefunden zu haben. Es sind nicht die konkreten Träume und Ziele. Diese sind grundsätzlich sogar austauschbar. Aus diesem Grund ist es auch nicht entscheidend, alle erdenklichen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, um sein persönliches Ziel zu finden. Sicher ist einzig, dass man sich davon erhofft, durch das Erreichen dieses Zieles das große Glück zu finden.
Aber kann es so einfach sein? Kann man tatsächlich behaupten, dass der Mensch einzig danach strebt, glücklich zu sein?
Und was würde das schlussendlich bedeuten? Wären dann all die Maßstäbe, die wir uns setzen, wie Erfolg, Reichtum, Macht oder Ansehen, nicht hinfällig? Würde das nicht bedeuten, dass das einzig Entscheidende ist, wie glücklich jemand mit seinem Leben ist?
Oder wenn ich die Menschheit im Gesamten betrachte. Wäre dann auch dort nicht jeder vermeintliche Fortschritt zu vernachlässigen und müsste man nicht auch dort die Entwicklung der Menschheit daran messen, wie glücklich die Erdenbürger im Durchschnitt sind?
Bei all diesen Fragen kommen meine Überlegungen ins Stocken und schlussendlich gebe ich es auf, weiter nach Antworten zu suchen. Ich entspanne mich etwas und erhebe mich dann. Immerhin habe ich heute noch etwas anderes zu tun. Doch während ich die Gläser abräume und zur Spüle trage, kehren meine Gedanken zur Ausgangsfrage zurück. Einen Moment verharre ich erneut und starre durch mein Küchenfenster auf das gegenüberliegende Wohnhaus. Während meine Augen von einem Fenster zum nächsten wandern, versuche ich nach all diesen Erwägungen eine Antwort zu finden. Es dauert gerade mal einen kurzen Moment, bis ich genau weiß, was ich zu tun habe. Als hätte sich etwas Grundlegendes verändert, sind all meine Bedenken verschwunden.
Ich muss es einfach versuchen, denke ich und trete von der Spüle zurück. Erleichterung und ein Art Vorfreude breiten sich in mir aus. Ein großes Abenteuer scheint vor mir zu liegen. Es wird immer ein Risiko sein, mein Glück zu finden. Es wird nie etwas geben, bei dem ich mir zu hundert Prozent sicher sein kann.
Doch wenn es etwas in meinem Leben gibt, dass in mir überhaupt die Hoffnung weckt, tatsächlich glücklich sein zu können, dann ist sie es. Wo sollte ich es sonst versuchen, wenn nicht bei ihr?
20 Jänner 2009
I guess I'll just keep moving and someday, maybe, I'll get to where I'm going.
2. Ich weiß noch immer nicht, was ich will. Vielleicht sogar weniger als je zuvor.
Trotzdem geht es mir recht gut. In den letzten Monaten haben sich einige Dinge ergeben, die mir sehr viel Kraft gegeben haben. Genug Kraft, um weiterzugehen, auch wenn ich das Ziel nicht kenne. Vielleicht komme ich ja wirklich irgendwann an einem Ort an, an dem ich glücklich bin und mich niederlassen kann.
Da ich mich schon so lange nicht gemeldet habe, gibt es heute gleich zwei Texte:
Spiegel: Bei dieser Geschichte handelt es sich um einen neuen Teil meiner „So weit mich meine Füße tragen“ Reihe. Viel Spaß damit.
Ich bin bei dir … : Diese Geschichte ist im Zuge eines Wettbewerbs mit dem Thema „Weit weg und intensiv hier“ entstanden, bei dem ich sogar den dritten Platz erreichen konnte.
Ich bin bei dir
„Hmm, nicht so gut“, entgegnete die junge Frau bewusst nichts sagend. Insgeheim hoffte sie weiterhin, er würde nicht näher darauf eingehen. In der Pause, die nach ihrer Antwort entstand, tastete sie behutsam nach ihrem Herzen. Seit einem halben Jahr lag es jetzt wie ein Fremdkörper in ihrem Inneren. Kalt und dunkel. Und an manchen Tagen tat es geradezu weh, wenn sie ihm zu nahe kam. So auch heute.
Bitte frag nicht weiter nach, dachte sie noch, doch da war es schon zu spät.
„Was ist denn los? Ist etwas passiert?“
Sie konnte ihn nicht belügen, das wusste sie. Aber gleichzeitig war sie sich nicht sicher, ob sie dazu in der Lage war, ihm zu antworten. Ihr Blick glitt über die Lichtstreifen, die durch die Jalousien an die Wand ihres dunklen Zimmers gezeichnet wurden. Es war nicht viel Licht, aber es reichte, um zumindest die Umrisse ihres Bettes zu erkennen, in dem sie saß. In ihrem Inneren herrschte dagegen vollkommene Finsternis.
Wie soll ich ihm erklären, was ich selbst nicht verstehe? Sie stellte sich diese Frage in Gedanken und bemerkte dabei, wie Verzweiflung in ihr hochkam.
„Ach, ich weiß auch nicht.“ Ihre Stimme klang gepresst und obwohl dieser Satz wie eine Ausrede klang, war es genau das, was sie empfand. Jedoch schon während sie die Wörter aussprach, wusste sie, dass er sich damit nicht zufrieden geben würde. Sie tastete sich erneut langsam zu ihrem Herzen vor. Sogleich fühlte sie, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und versuchte, sie am Sprechen zu hindern. Ihr Atem wurde schneller. Sie hatte das Gefühl, ihr würde langsam die Luft ausgehen und je näher sie ihrem Herzen kam, umso mehr merkte sie, wie dessen Kälte sich in ihrem gesamten Körper ausbreitete. Fröstelnd zog sie die Knie zur Brust und versuchte sich so klein wie möglich zu machen.
„Hey, komm schon. Ich merke ganz genau, dass es dir nicht gut geht. Mir kannst du es doch sagen.“ Seine tiefe Stimme wirkte beruhigend auf sie und seine Ermutigung gab ihr neue Kraft. Sie hatte ihm immer alles sagen können. Nur diese Sache trug sie jetzt bereits seit Monaten mit sich herum. Vielleicht weil sie selbst nicht genau wusste, wie sie es ausdrücken sollte. Jetzt schien der Augenblick jedoch gekommen, um es wenigstens zu versuchen.
„Mein Bruder hatte einen Autounfall“, sagte sie schnell. Sie wollte diesen Augenblick rasch hinter sich bringen.
Kurz herrschte Stille. „Und, wie geht es ihm. Ich meine, ist er verletzt?“
Sie spürte, wie ihre Kehle sich mit jedem Atemzug mehr zuschnürte. „Ja, er liegt im Krankenhaus.“
„Hast du vor, zu ihm zu fahren? Ich meine …“ Auch ihn schien die Sache sehr zu bewegen.
Sie schloss die Augen und fühlte, wie nach der Kälte langsam auch der Schmerz von ihrem Herzen in ihren Körper drang. Es war sein Mitgefühl, dass sie dazu anhielt, nicht aufzugeben. „Nein, ich glaube nicht. Bis ich bei ihm wäre, müsste ich sechs Stunden mit dem Zug fahren … ich weiß nicht, ob ich das jetzt schaffe.“ Der Schmerz wurde immer stärker und Tränen traten ihr in die Augen. Sie schreckte jedoch nicht zurück. Vielmehr gab sie sich diesem Schmerz ganz hin und hoffte, wenigstens ansatzweise erkennen zu können, wodurch er ausgelöst wurde.
„Aber wieso solltest du es nicht schaffen?“ Sorge schwang in seiner Stimme mit. Er schien genau zu wissen, was in ihr vorging.
„Ich fühle mich so einsam“, presste sie schließlich hervor. Ihr war schwindlig und sie glaubte nicht, dass sie noch weiter vordringen konnte. „Seit meine Mutter vor sechs Monaten gestorben ist, fühle ich mich manchmal, als wäre ich ganz alleine hier auf dieser Welt.“ Ein Schluchzen unterbrach sie. „Wenn jetzt auch mein Bruder geht …“
„Sag so was nicht“, unterbrach er sie. Sie hätte allerdings sowieso nicht mehr weitersprechen können. „Du weißt doch noch gar nicht, wie es deinem Bruder wirklich geht. Also nimm bitte nicht sofort das Schlimmste an.“
Anstatt einer Antwort erhielt er nur ein ersticktes Schluchzen.
Unbeirrt sprach er weiter. Seine Stimme war jetzt viel sanfter und ruhiger: „Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt umarmen.“
Obwohl seine Worte gut gemeint waren, taten sie ihr nur noch mehr weh. Ihre Hand zitterte dermaßen, dass sie das Handy nicht mehr richtig halten konnte. Langsam ließ sie sich auf dem Bett nieder und legte sich mit ihrem Ohr einfach auf das Mobiltelefon.
„Ich hab dich lieb“, drang seine zärtliche Stimme vom anderen Ende der Leitung zu ihr. Bei seinen Worten schüttelte ein heftiges Schluchzen ihren Körper.
„Aber du bist so weit weg …“, presste sie verzweifelt hervor.
„Nein, ich bin ganz bei dir … du musst es nur wollen.“
Mit ihrer zittrigen Hand zog sie die Bettdecke über ihren fröstelnden Körper. Das Gefühl des Schmerzes in ihr nahm dabei langsam ab und wich einer seltsamen Taubheit, von der sie nicht genau sagen konnte, ob sie besser oder schlechter war als der Schmerz. „Genau das will ich ja! Ich will, dass du hier bist! Hier bei mir. Wann kommst du endlich zurück?“ Während der Stille, die auf ihre Frage folgte, horchte sie in sich hinein. Ihr Atem ging weiterhin schnell und stoßweise, wenigstens war mittlerweile der Kloß in ihrem Hals verschwunden.
„Ich komme in drei Monaten zurück. Vorher kann ich nicht, das weißt du genau so gut wie ich …“ In seiner Stimme klang Bedauern mit.
Erneut begann sie zu weinen. Ihr ganzer Körper bebte und in ihren Fingerspitzen spürte sie ein unangenehmes Kribbeln. Die Taubheit breitete sich weiter in ihr aus und nachdem sie dies bemerkt hatte, fühlte sie plötzlich Panik. Sie fürchtete, die Taubheit könnte sie ganz einnehmen. Ihr Atemzüge wurden wieder hektischer. Fast schon gierig schnappte sie nach jedem bisschen Luft. Alles um sie begann sich zu drehen und sie hatte Angst, ohnmächtig zu werden …
„Pscht“, drang es sanft durch den Telefonhörer. Sie hatte das Gefühl, eine tröstende Hand würde sich auf ihren zitternden Körper legen. „Beruhige dich erstmal … bitte.“
Trotz seiner Worte gelang es ihr jedoch nicht, ihre Panik in den Griff zu bekommen. „Ich kann nicht“, stieß sie zwischen ihren verzweifelten Atemzügen hervor.
„Du kannst es.“ Seine Stimme blieb weiter sanft, wirkte aber gleichzeitig bestimmt. „Versuch langsamer zu atmen. Langsamer.“
Jedes Wort drang in sie ein und hallte in ihrem Körper nach.
„Langsamer. Ein und aus.“
Und mit jedem Mal fühlte sie, wie dieser Hall sich weiter in ihrem Inneren ausbreitete und die Taubheit allmählich verdrängte. Das Gefühl kam in ihre Hände und Füße zurück und gleichzeitig verschwand ihre Panik.
„Ein und aus.“
Wieder und wieder sagte er diese drei Wörter und bei jedem Mal passte sich das Heben und Senken ihres Brustkorbs mehr dem Rhythmus seiner Stimme an. Bis sie mit einem Mal bemerkte, dass ihr Atem mit seiner Stimme synchron ging. Bei dieser Erkenntnis schüttelte ein letztes Schluchzen ihren Körper. Und als hätte sie damit den verbliebenen Rest Ballast abgeworfen, fühlte sie sich mit einem Mal angenehm befreit. Mit einer fahrigen Bewegung zog sie sich die Ärmel ihres Pullovers über ihre kalten Hände und wischte sich damit die Tränen aus dem Gesicht.
„Geht es dir gut?“, hörte sie ihn nach einer langen Pause endlich wieder etwas sagen.
Sie räusperte sich, trotzdem war ihre Stimme belegt, als sie antwortete: „Es geht mir zumindest besser … danke.“
„Kein Problem. Ich bin immer für dich da, das habe ich dir doch gesagt. Immer.“
„Ja, ich weiß“, gab sie zu.
„Das klingt aber nicht sehr überzeugt.“
Er hatte Recht. Seine Worte kamen nicht gegen ihre alten Zweifel an. „Zwischen den wenigen Minuten, die wir miteinander telefonieren, liegen diese ewigen Stunden, in denen du nicht da bist und in denen ich mich so alleine fühle.“ Sie hielt kurz in ihren Worten inne um ihre Gedanken zu sammeln. „Dieses ganze Haus, das noch vor wenigen Jahren vom Leben erfüllt war, liegt jetzt vollkommen verlassen da. Es weckt in mir das Gefühl, auch ich selbst würde nicht mehr hier her gehören. Und auch wenn ich auf die Straße gehe, ist es nicht anders. Nur fremde Gesichter und Orte, die alles verloren zu haben scheinen, was mich jemals mit ihnen verbunden hat. Selbst die wenigen Freunde, die noch zu mir halten, haben nichts mehr Vertrautes an sich ...“
Er hörte sich ihre Geschichte geduldig an und wartete, bis er sicher war, dass sie alles gesagt hatte. Erst dann sprach er mit eindringlicher Stimme zu ihr: „Aber ich bin immer bei dir! Du musst nur an mich denken und ich bin bei dir. Egal wo du bist. Egal wie weit wir voneinander entfernt sind. Solange du an mich denkst, bin ich da.“
Ganz in sich vertieft lag sie in ihrem Bett und fühlte den Worten nach, die sich in ihrem Inneren ausbreiteten. Etwas sagte ihr weiterhin, dass dies alles nicht so einfach war. Gleichzeitig fühlte sie aber mehr und mehr, dass sich die Ängste in ihr auflösten und zumindest seine Stimme dazu führte, dass das Gefühl der Einsamkeit verschwand. Durch diesen inneren Kampf traten ihr erneut Tränen in die Augen, während sie darauf wartete, dass er weitersprechen würde.
„Du hast jetzt neun Monate durchgehalten. Neun harte Monate, das weiß ich. Jetzt sind es nur mehr drei. Das ist eine lange Zeit, aber das schaffst du auch noch.“
Ein Schluchzen ließ ihre Stimme erzittern. „Und dann kommst du wieder zurück zu mir?“, fragte sie ihn ängstlich.
„Ja, ich komme wieder zurück zu dir.“ Er sagte es fest und bestimmt. „Ich komme zurück zu dir und wir werden da weitermachen, wo wir aufgehört haben, ja?“
„Okay.“ Sogar dieses eine Wort war fast zu viel für sie. Die Tränen strömten geradezu aus ihr heraus und erstickten jeden Laut. Minuten vergingen, in denen sie nur dalag, weinte und auf das fast unhörbare Rauschen aus dem Telefon hörte. Obwohl sie kein Wort wechselten, gab ihr dieses Rauschen das Gefühl, er wäre ganz nah bei ihr.
„Ich muss jetzt leider auflegen“, ertönte seine leise Stimme nach einiger Zeit.
Sie brauchte nicht zu überlegen, was sie erwidern sollte. Ihr Gefühl gab ihr eine klare Antwort: „Ist gut, ich hab dich ja weiter bei mir.“ Zum ersten Mal seit Wochen oder vielleicht gar Monaten fühlte sie ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen.
„Und du bist mir auch nicht böse?“
Sie setzte sich in ihrem Bett etwas auf und schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht.“
„Schön.“ Er ließ das Wort kurz im Raum stehen. „Ich denk’ an dich.“
„Ich denke auch an dich.“ Abermals bemerkte sie dieses schwache ziehen an den Mundwinkeln, dass sich so ungewohnt anfühlte, während weiterhin Tränen über ihre Wangen liefen.
„Ruf mich an, wann immer du willst, ja?“
„Ja, mach ich.“
„Gut, dann bis bald.“
„Bis bald.“
Das Telefon verstummte, die Verbindung war unterbrochen und sie wieder ganz alleine in ihrem Zimmer. Unschlüssig verharrte sie ein paar Augenblicke halb aufgerichtet im Bett, ließ sich schlussendlich aber doch zurück auf das weiche Polster sinken.
Eine Weile lag sie nur da und dachte an gar nichts. Wie von selbst zogen an ihrem inneren Auge Bilder der letzten sechs Monate vorbei. Von dem Moment, an dem ihre Mutter in der Küche zusammengebrochen war über die Nacht, die sie im Krankenhaus verbracht und auf gute Nachrichten gewartet hatte. Die Beerdigung, bei der sie ihren Bruder das letzte Mal gesehen hatte. Dann die lange Zeit bis jetzt, die ihr seltsam leer erschien, und zum Schluss der Anruf heute. Das alles durchlebte sie in Schwarz-Weiß-Bildern ein weiteres Mal und hatte dabei das Gefühl, als würde sie das Leben von jemand anderem betrachten.
Erst nach langer Zeit kehrte die Realität zögerlich in ihr Bewusstsein zurück. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie vielleicht sogar kurz geschlafen hatte. Es mochten Minuten oder gar Stunden vergangen sein. Ihre Wangen und ihr Polster waren nass von ihren Tränen. Auf eine seltsame Weise erschöpft stemmte sie sich im Bett hoch. Sie fühlte sich, als wäre sie nach langer Krankheit endlich erwacht. Kraftlos wischte sie sich die Tränen weg und schälte sich aus ihrer Bettdecke, unter der es ihr viel zu heiß war. Selbst ihre Wangen glühten geradezu.
Ihr Blick begann durch das Zimmer zu wandern. Dabei bemerkte sie, dass die Lichtstreifen an der Wand um einiges schwächer geworden waren. Anscheinend war doch mehr Zeit vergangen, als sie gedacht hätte. Und außerdem kam ihr all das um sie gar nicht mehr so fremd vor, wie noch vor kurzer Zeit.
Das ist mein Zimmer, dachte sie mit einem eigenartigen Gefühl von Überraschung.
Einige Minuten verharrte sie und betrachtete die Schatten und Umrisse der vielen kleinen Dinge, die sie teilweise seit ihrer Kindheit begleiteten. Dabei beobachtete sie die Gefühle, die bei diesem Anblick in ihr hochstiegen, bis ihr mit einem Mal das schwache Schlagen ihres Herzens bewusst wurde. Sofort tauchten wieder die dunklen Gedanken in ihrem Kopf auf, die sie durch das Gespräch ganz vergessen hatte. Als wollte sie sich nur langsam herantasten, legte sie eine Hand auf ihre Brust und versuchte, die rhythmischen Schläge zu erspüren. Nur ganz schwach nahm sie eine Bewegung wahr. Fast schüchtern wirkte es.
War dieses Gefühl früher nicht viel intensiver?, ging es ihr durch den Kopf. Sie ließ ihre Hand an der Stelle liegen und lauschte dem gleichmäßigen Takt der Schläge. Sie wollte sich mit diesem, ihr fremd gewordenen Gegenstand erst in Einklang bringen.
Nach einigen Augenblicken sagt ihr eine innere Stimme, dass es Zeit war, den nächsten Schritt zu machen. Sehr vorsichtig wagte sie sich jetzt auch mit ihren Gedanken in die Nähe ihres Herzens. Ganz vorsichtig nur. Immer darauf gefasst, plötzlich auf diese Kälte, diese Dunkelheit oder diesen Schmerz zu stoßen. Doch obwohl sie immer näher herankam, fühlte sie nichts von alledem. Nur ganz kurz erschauderte ihr Körper unter einem unangenehmen Gefühl, dann war die Kälte verschwunden. Für einen winzigen Augenblick spürte sie einen Stich in ihrem Herzen, aber auch dieser verschwand schneller, als er gekommen war. Und umso näher sie sich zu ihrem Herzen vorwagte, umso mehr glaubte sie in der Dunkelheit ein kleines Licht erkennen zu können. Nur ganz schwach, aber es war da, dessen war sie sich mittlerweile sicher.
Solange du an mich denkst, bin ich da, erinnerte sie sich an seine Worte.
Ich komme zurück zu dir und wir werden da weitermachen, wo wir aufgehört haben, auch das hatte er gesagt und in dem Moment, in dem sie sich daran erinnerte, glaubte sie zu sehen, wie das Licht in ihrem Herzen kurz aufflackerte. Dieser winzige helle Punkt in ihr erfüllte sie mit einer solchen Faszination, dass sie sich gar nicht mehr davon lösen konnte. Zum ersten Mal seit Monaten war es ihr möglich, einen Blick auf all die schönen Dinge zu werfen, die die ganze Zeit im Dunkel gelegen hatten. Erinnerungen an Früher tauchten in ihr auf. Sie dachte an ihn und an die Zeit, die sie miteinander verbracht hatten. Sorgenfreie und heitere Tage waren es gewesen. Voller Hoffnungen und Plänen für die Zukunft.
Das Telefon klingelte und ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken. Irgendwo zwischen der Bettdecke sah sie das aufgeregte Blinken des Displays und griff schnell danach.
„Ja?“, meldete sie sich.
„Ich bin’s.“ Es war die Freundin ihres Bruders. Sie weinte und schon diese wenigen Worte ließen erahnen, dass sie keine guten Neuigkeiten überbrachte.
Die junge Frau setzte sich aufrecht in ihrem Bett hin und schloss die Augen. Sie horchte kurz in sich hinein. Erneut fühlte sie Angst und Verzweiflung, aber gleichzeitig war da dieses kleine Licht, das sie wärmte und ihr Hoffnung gab. Sie wusste, egal was sie jetzt erfahren würde, sie würde es verkraften. Er würde da sein und ihr helfen, auch diese Zeit zu überstehen. Egal wie weit er entfernt war, in ihrem Herzen war er ganz nah bei ihr.
„Wie geht es meinem Bruder?“, fragte sie nach einigen Augenblicken mit ruhiger Stimme.
Spiegel
Seit diesem Vorfall in der Bar sind diese Orte zu meinem geheimen Rückzugsgebiet geworden. Wann immer ich das Gefühl habe, ich bräuchte eine Pause, kann ich mir diese hier gönnen. Niemand fragt nach, wenn man sagt, man müsse auf die Toilette. Niemand stört einen hier. Man kann sich erholen, sich auf sich selbst konzentrieren. Egal ob bei der Arbeit, beim Einkaufen oder wenn ich mal weggehe. Immer häufiger brauche ich diese Pause von der restlichen Welt und ziehe mich in diese winzigen Kabinen zurück, die in diesen Momenten fast schon eine gewisse Geborgenheit ausstrahlen.
Als dumpfes Dröhnen dringt die Außenwelt zu mir herein. Nur durch ein paar Mauern von mir getrennt ist eine großartige Party im Gange und ich sitze hier und fühle mich wieder einmal vollkommen fehl am Platz.
Eigentlich wollte ich gar nicht herkommen. Ich kenne hier niemanden, aber ein Arbeitskollege hat mich eingeladen. Damit auch ich mal etwas erlebe. Ich hatte ihm sogar schon abgesagt, bekam kurz darauf jedoch durch Zufall mit, dass Sarah auch vor habe hier her zu kommen und da konnte ich nicht Nein sagen. Seit mir klar geworden ist, dass ich jemanden brauche, der mich liebt, vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Sarah denke. Sie ist die einzige, die mir dieses Gefühl jemals geben konnte und deshalb ist sie auch die, auf die ich all meine Hoffnungen setze. Ich will entweder sie oder niemanden.
Allerdings bin ich jetzt bereits seit mindestens zwei Stunden hier und sie habe ich noch nirgends entdeckt. Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht, wie lange ich es zwischen diesen ganzen fremden Menschen noch aushalte und ob es überhaupt Sinn macht, länger zu bleiben.
Ich höre, wie sich die Tür öffnet, kurz dringt Musik von der Party zu mir herein, dann schließt sich die Tür wieder und es ist nur noch die Unterhaltung von zwei jungen Männern zu vernehmen. Ich höre gar nicht hin, sondern versuche mich vollkommen ruhig und still zu verhalten. Mit einem Mal wirkt mein Zufluchtsort auf mich wie ein Gefängnis und ich möchte am liebsten schnellstmöglich raus hier. Doch wage ich es nicht. In diesem Moment ist mein Entschluss gefasst. Ich verschwinde hier so schnell es geht.
Ich bin wieder zurück auf der Party. Um mich ohrenbetäubend laute Musik und Geschrei. Ausgelassene, lachende Gesichter blicken mir entgegen und ich will gar nicht daran denken, was für ein Ausdruck in dem Moment auf meinem liegt. Ich dränge mich durch die Menschen, versuche mir einen Weg zu bahnen. Dabei komme ich mir wie ein Fremdkörper in diesem Raum vor. Ein Fremdkörper, der mit aller Macht abgestoßen wird. Am liebsten würde ich dieser Kraft nachgeben. Aber ich will mich anstandshalber wenigstens noch von meinem Kollegen verabschieden, der überall hier sein könnte.
Erleichtert entdecke ich ihn nach langer Suche endlich an der Bar. Er unterhält sich gerade mit einem Freund von ihm, der mir schon früher am Abend vorgestellt wurde. Mark heißt er, wenn ich mich recht erinnere.
Ich zwänge mich zu den beiden durch.
"Ne, ich muss jetzt echt los. Tut mir leid. Aber war geil hier", höre ich diesen Mark gerade sagen.
Während mein Kollege ihn noch enttäuscht ansieht, nutze ich die Gelegenheit.
"Hey, ich bin übrigens auch weg."
Mein Arbeitskollege dreht sich zu mir um. "Was, du auch noch?"
"Ja, sorry."
"Aber die Party hat doch noch gar nicht richtig angefangen."
Ich zucke nur mit den Schultern.
"War wohl doch nicht so dein Ding, was?"
"Ne, nicht ganz."
Er blickt mich kurz an. "Ja, ist schon okay. Aber cool, dass du es mal versucht hast."
"Ja", ich sehe ihn entschuldigend an, "wünsche dir aber noch einen schönen Abend."
"Dir auch."
Ich mache bereits einen Schritt Richtung Ausgang.
"Wie gesagt, bin jetzt auch weg, viel Spaß noch", verabschiedet sich auch Mark.
"Ja, gleichfalls", wünscht ihm mein Arbeitskollege.
Ich winke ihm noch mal zu und drehe mich zum Ausgang um. Während ich in die Richtung gehe, schließt Mark zu mir auf.
"Hey, wie kommst du eigentlich nach hause?"
"Ach, kein Problem. Ich fahre mit dem Zug."
Er sieht mich an. "Also wenn du willst, kann ich dich auch mitnehmen. Wir müssen sowieso in die gleiche Richtung."
Ich zucke mit den Schultern. Ich möchte in diesem Moment am liebsten alleine sein. Aber auf der anderen Seite ist mir die Gesellschaft von Mark doch lieber, als die der Typen, die sich um diese Uhrzeit im Zug aufhalten. "Also wenn es dir wirklich nichts ausmacht, wär das echt cool."
"Ne, macht mir nichts aus." Er grinst mich an.
"Ja, gut. Danke."
"Kein Problem."
Zusammen treten wir in die Dunkelheit und Stille der Nacht hinaus. Nach all dem Trubel, den Lichtern und dem Lärm legt sich die Ruhe geradezu wohltuend über uns. Sogar der recht kühle Wind fühlt sich nach der abgestandenen, warmen Luft im Inneren des Gebäudes angenehm und erfrischend an.
Während wir Richtung Parkplatz gehen, wandert mein Blick zum Nachthimmel hinauf, der sich vollkommen klar und sternenübersät über uns spannt. Doch wie so oft in letzter Zeit, kann ich diesen Anblick nur für kurze Zeit ertragen. Anstatt von den Sternen, wird meine Aufmerksamkeit viel mehr von der unergründlichen Dunkelheit dazwischen angezogen. Und auch wenn meine Augen nur kurz auf diesen Flecken Unendlichkeit ruhen, macht sich in mir ein seltsames Gefühl breit. Die Gravitation scheint für einen Augenblick ihre Kraft zu verlieren und ich habe Angst, ich könnte in die Unendlichkeit geschleudert werden, mich selbst in dieser ewigen Dunkelheit verlieren und dort einsam dahin treiben. Ohne Anhaltspunkt um mich zu orientieren. Ich senke meinen Blick wieder und bin erleichtert, wenigstens irgend jemanden in meiner Nähe zu haben. Spätestens jetzt bin ich froh, Marks Angebot angenommen zu haben.
Wir haben den Parkplatz mittlerweile erreicht und ich lasse meinen Blick über die abgestellten Autos schweifen, obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, welches davon Mark gehört.
Bei einem wie recht neu aussehenden Auto bleibt er kurz stehen und begibt sich zur Fahrertür. Der Wagen wirkt sehr sportlich und auch wenn ich mich mit Autos nicht auskenne, kann ich mir vorstellen, dass er nicht billig war.
Ich steige ein und auch der Innenraum ist sehr ansprechend. Sportsitze und all die Dinge, die man sich vorstellt.
"Nettes Auto", kommentiere ich meine Eindrücke.
"Danke", sagt er und grinst. "Du weißt ja, das kommt gut bei den Mädels an."
"Wirklich?", frage ich in scherzhaftem Ton.
Er zuckt mit den Schultern. "Na ja, es geht."
Ich will erst noch etwas dazu sagen, doch seine Stimmlange klang nicht danach, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Vielleicht ist er schon müde und will jetzt seine Ruhe haben.
Ohne ein weiteres Wort startet Mark den Motor und wir fahren los.
Nach etwa fünf Minuten haben wir die fast leeren Straßen der Stadt hinter uns gelassen und fahren auf die Autobahn auf. Mark beschleunigt auf weit über hundert Kilometer pro Stunde. Durch unsere Geschwindigkeit und die Dunkelheit um uns verliere ich jeden Bezug zur Umgebung. Für mich existiert nur noch der kleine Raum des Wageninneren. Ich lehne mich zurück und lausche der leisen Musik, die aus dem Radio kommt und das gleichmäßige Geräusch des Motors kaum übertönt.
"Du bist wohl auch eher der ruhige Typ."
Bei diesen Worten zucke ich zusammen. Viel zu oft schon habe ich diesen Satz gehört. Ich frage mich, wie er auf die Idee kommt. Immerhin verbringen wir kaum zehn Minuten miteinander. Auch wenn er in der ganzen Zeit gar nichts gesagt hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, ihn einen ruhigen Typen zu nennen. Ich könnte ja auch nur müde sein oder ...
In meine Überlegungen hinein blickt mich Mark an und sagt: "Ist bei mir das Gleiche." Er verzieht sein Gesicht resigniert und wendet sich wieder der Straße zu. "Hab deshalb auf der Party gerade ein Mädchen verloren."
"Oh, tut mir leid", ist das einzige, was mir dazu einfällt.
"Kein Problem. Ich hätte eigentlich damit rechnen können." Seine Stimme klingt traurig und kraftlos.
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, sitze ruhig da und hoffe darauf, dass er selbst weiter spricht. Erst scheint er nichts mehr sagen zu wollen und mir wird die Situation etwas peinlich. Wenige Augenblicke später fährt er allerdings doch noch fort.
"Sie war mit mir hingegangen und ich hatte mich schon lange auf den Abend gefreut." Er macht eine kurze Pause und ein schwaches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. "Ja, gut, ich gebe es zu. Ich hatte mir erwartet, dass vielleicht was zwischen uns läuft. Aber wenn nicht, wäre auch nicht schlimm gewesen. Es ging mir nur darum, einen schönen Abend mit ihr zu verbringen. Und dann, kaum waren wir da, taucht ein Typ auf und quatscht sie voll. Und was mache ich? Ich sitze daneben und sage nichts. Erst noch, weil ich glaube, er würde eh gleich wieder abhauen und danach traue ich mich nicht mehr, weil sie so viel Spaß mit ihm zu haben schien, dass ich sie nicht unterbrechen wollte. Zur Krönung des Ganzen fragte sie mich auch noch, ob es mir was ausmacht, wenn sie kurz mit ihm tanzen geht. Und natürlich sage ich: Nein, geh nur." Er starrt ein paar Momente auf die Straße vor uns. "Danach wollte ich mich erst besaufen, hab ein paar Bier getrunken, aber schlussendlich ist es mir doch zu blöd geworden und ich bin abgehauen."
Bei dem Kommentar mit dem Bier wird mir etwas mulmig zumute, aber mir scheint, dass man ihm den Alkohol nicht anmerkt. Außerdem: Was soll schon passieren?
"Ich wollte ihr erst noch Bescheid sagen, aber dann hab ich sie mit ihm an der Bar gesehen, immer noch quatschend und lächelnd. Das Getränk in ihrer Hand wahrscheinlich von ihm bezahlt. Bei dem Anblick konnte ich einfach nicht mehr."
"Sie ist mit dir hergefahren?"
Er nickt. "Ja, ich weiß, das ist scheiße von mir. Aber sie wird schon nachhause kommen. Ich habe mir einer Freundin von ihr geredet. Die nimmt sie zur Not mit, wenn sie keinen anderen findet ..." Er betont das Wort "anderen" auf eine Weise, dass kein Zweifel daran besteht, wen er meint. "Weißt du, manchmal denke ich, es wäre am besten, den ganzen Scheiß hinzuschmeißen und zu verschwinden."
Seine Worte sind dermaßen bitter ausgesprochen, dass für mich sofort klar ist, was er damit meint. Trotzdem frag ich zur Sicherheit nach: "Du meinst irgendwo hin abhauen? Eine andere Stadt oder so."
Er starrt geradeaus. "Nein, verschwinden ... komplett."
Es ist das erste Mal, dass ich jemanden davon reden höre und es schockiert mich so sehr, dass ich im ersten Moment gar nicht weiß, was ich darauf antworten soll. "Aber wieso denn das? Nur wegen dieses einen Mädchens?"
Er schüttelt langsam den Kopf. "Ach ... wie soll ich es erklären." Er denkt ein paar Sekunden nach. "Kennst du das, wenn dein ganzes Leben nur scheiße ist. Und plötzlich kommt ein Mensch, der so wundervoll ist, dass es dir von einem Moment auf den nächsten möglich erscheint, dass sich doch noch alles zum Guten wenden kann?" Er sieht mich kurz an.
Ich nicke nur.
"Genau das war sie für mich. Sie gab mir neue Hoffnung und ich wollte alles dafür tun, um ihr näher zu kommen. Weißt du, wir kennen uns jetzt schon ein paar Wochen. Anfangs habe ich mich noch dagegen gewehrt, weil ich dachte, das wird sowieso nichts. Ich wollte mich gar nicht darauf einlassen. Aber mit ihr lief alles geradezu perfekt und eine Alternative blieb mir ohnehin nicht. Also habe ich es versucht und es schien alles zu klappen. Was meinst du, wie ich mich gefreut habe, als sie zugesagt hat, mit mir zu der Party zu gehen. Und jetzt das ..."
Ich sehe ihn von der Seite an. Sein Gesicht schwach vom Licht der Armaturen beleuchtet.
"Schon seit Jahren habe ich das Gefühl, mein Leben würde mich nur verarschen. Ich habe immer nur Pech. Selbst wenn sich einmal etwas zum Guten wendet, schlussendlich bricht es doch wieder zusammen und lässt mich unglücklicher zurück als davor. Genau wie jetzt auch wieder. Ich habe wirklich gehofft und geglaubt, dass es dieses mal anders wird. Und was passiert. Genau in dem Moment, wo ich mich kurz vor dem Ziel sehe, zerstört mein Schicksal mir all meine Träume, wendet mir den Rücken zu und lacht sich über meine Dummheit kaputt."
Er ist mittlerweile wütend geworden und langsam mache ich mir doch Gedanken darüber, ob eine solche Unterhaltung bei dieser Geschwindigkeit das richtige ist.
"Wieder habe ich mich verarschen lassen und langsam reicht es mir. Ich will mich nicht noch einmal zum Narren machen. Das alles soll einfach aufhören, zu Ende gehen."
Er macht eine kurze Pause und ich nutze die Gelegenheit und versuche ihn zu beruhigen. "Ja, ich kann das alles sehr gut verstehen, glaub mir. Und es tut mir auch wirklich leid für dich. Aber ich finde, du solltest deswegen trotzdem nichts überstürzen. Denk noch einmal darüber nach. Nur wegen ihr alles ..."
"Nein!", unterbricht er mich energisch. Er hat das Wort fast geschrien, beruhigt sich jedoch zum Glück ein wenig, bevor er weiter spricht. "Ich habe doch gesagt, es geht nicht nur um sie. Es ist mein ganzes Leben." Er blickt mich kurz an und da ich nicht weiß, was er von mir erwartet, sehe ich möglichst neutral und ruhig zurück. "Weißt du, vor nicht ganz einem Jahr war ich schon einmal kurz davor. Ich hatte bereits alles vorbereitet. Nur ich war zuhause, meine Eltern wären erst Stunden später zurückgekommen. Ich hatte mich im Bad eingeschlossen, die Wanne mit Wasser gefüllt, das Messer bereits an meinem Handgelenk. Aber letztendlich habe ich es doch nicht getan."
"Warum?", frage ich vorsichtig, da er nicht weiter spricht.
"Ja, das frage ich mich auch", seine Stimme klingt verzweifelt. "Anfangs war ich noch froh darüber, es nicht gemacht zu haben. Doch bereits ein paar Wochen später begann ich mir diese eine Frage zu stellen: Warum hast du es nicht gemacht? Und mir fiel keine Antwort dazu ein."
"Hast du dir gewünscht, du hättest es doch getan?"
Er denkt kurz über die Frage nach. "Ja, eine Zeitlang war es so. Bis ich sie kennengelernt habe. Da habe ich wirklich für ein paar Wochen geglaubt, ich hätte etwas gefunden, das alles rechtfertigt."
"Bis zum heutigen Abend."
"Genau." Er blickt starr die Straße entlang.
"Also sagst du, mit ihr hat sich dein Leben auf eine Art verändert, dass es plötzlich wert war gelebt zu werden? Sogar wenn man bedenkt, was dir davor alles passiert ist."
Er nickt ruhig.
"Also die Zeit, die du mit ihr verbracht hast, war bereits schön genug? Es hätte nicht mehr daraus werden müssen?"
Wieder nickt er und sagt: "Ja, aber ich wollte möglichst viel haben und ich wollte auch dafür kämpfen ..."
"Ja, ich mache dir auch keinen Vorwurf. Ich wollte es nur wissen." Ich mache eine kurze Pause um mir meine nächsten Sätze zu überlegen. Wir sind mittlerweile an der Ausfahrt zu unserem Ort angekommen und biegen von der Autobahn ab.
Ich versuche meine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen, als ich weiterspreche: "Auch wenn du anders darüber denkst, glaube ich doch, dass sie genau der Wendepunkt in deinem Leben ist, den du Anfangs in ihr gesehen hast. Egal was sich jetzt weiter entwickelt."
Er blickt mich skeptisch an. "Ja, genau. Und was ist mit dem heutigen Abend?"
"Es geht nicht um den heutigen Abend", antworte ich und mache wieder eine kurze Pause. "Du hast doch gesagt, bis du sie kennengelernt hast, gab es nichts in deinem Leben, dass dich wirklich glücklich gemacht hat."
Er nickt, sein Gesicht wirkt desinteressiert.
"Das heißt also, durch sie hast du erfahren, dass das Leben auch lebenswert sein kann. Ja, dass man sogar glücklich sein kann. Und sie hat dir nicht nur die Hoffnung gegeben, dass es so sein könnte. Nein. Für ein paar Wochen oder gar Monate hattest du wirklich das Gefühl, glücklich zu sein und das gefunden zu haben, was du all die Zeit gesucht hast."
"Ja, okay. Aber was nützt mir das jetzt?" Es scheint ihn jetzt zumindest zu interessieren, was ich zu sagen habe.
"Es bringt dir die Gewissheit, dass das Leben schön sein kann. Klar ist es beschissen, dass der heutige Abend nicht auf die Art verlaufen ist, wie du es wolltest. Aber du hast in der letzten Zeit zumindest erfahren, dass es Dinge gibt, die es sogar Wert sind, eine lange Zeit voller Schmerz und Trauer auf sich zu nehmen. Und auch wenn es mit ihr nicht klappen sollte, kannst du doch zumindest darauf hoffen, dass du noch einmal einen solchen Menschen findest." Ich mache eine Pause um ihm die Chance zu geben, zu antworten, aber er bleibt still. "Immerhin hast du ja gesagt, dass du selbst auch nicht ganz unschuldig warst. Du hast dich heute zu ruhig verhalten. Glaub mir, das kann ich nur zu gut verstehen. Es war sozusagen dein erster Versuch, also denke ich, du solltest dir selbst zumindest noch eine zweite Chance geben." Wieder wird es kurz still.
"Ach, ich weiß auch nicht ...", antwortet er.
"Außerdem ist doch noch gar nichts entschieden. Sie hat sich heute mit irgend einem Typen unterhalten. Ist das wirklich so schlimm? Mit dir hat sie bereits viel länger zu tun. Wenn sie jetzt wirklich mit ihm zusammen kommen würde, dann wäre sie es meiner Meinung nach gar nicht wert, dass du dich ihretwegen derart fertig machst."
"Du musst hier irgendwo raus, oder?", ist die einzige Antwort, die er mir darauf gibt.
"Ja", antworte ich enttäuscht, weil mir vorkommt, ich hätte vollkommen an ihm vorbeigeredet, "fahr der Straße entlang weiter. Ich sag dir, wenn wir da sind."
Einige Zeit herrscht Stille im Auto. Ich weiß nicht mehr, was ich noch dazu sagen sollte. Marks Unverständnis hat mich entmutigt.
"Weißt du, du hast Recht", sagt er völlig unerwartet. "Mit allem irgendwie." Er denkt kurz nach und ich gebe ihm die Zeit. "Sie würde das auch nie machen, das ist mir klar ... Wahrscheinlich war es nicht mal böse gemeint." Wieder verstummt er.
"Ich muss da vorne raus", sage ich leise zu ihm und deute auf die nächste Kreuzung.
Mark bringt seinen Wagen an der Straße zum Stehen, die zu meiner Wohnung führt, starrt aber weiter gerade aus. "Scheiße", sagt er nach einiger Zeit, "ich habe mich wie ein Idiot verhalten. Jetzt steht sie alleine da auf dieser Party. Wieso hab ich sie einfach stehen gelassen."
"Ach, mach dir deswegen mal keinen Kopf", beruhige ich ihn.
Er sieht mich an. "Aber was soll ich denn jetzt sagen. Sie hält mich bestimmt für einen Arsch. Sie denkt sicher, ich hätte sie vergessen", sagt er verzweifelt.
Ich atme einmal tief durch. "Weißt du, ich habe ja selbst keine Ahnung davon. Aber ich denke am besten kommt immer an, wenn du ihr direkt die Wahrheit sagst."
Mark schüttelt ausweichend den Kopf.
"Du musst ihr ja nicht gleich erzählen, dass du was von ihr wolltest. Sag ihr zum Beispiel, dass du nur wegen ihr da hin gegangen bist und dass es dir dann keinen Spaß mehr gemacht hat, weil sie ja nur mit dem anderen Typen gequatscht hat. Und sag ihr vielleicht noch, dass du sie dabei nicht stören wolltest."
"Aber da könnte sie sich doch denken, was ich ihr damit sagen will."
Ich blicke ihn nachdenklich an. "Na ja, wer hatte heute mehr Erfolg? Der Typ, der sie angebaggert und ihr einen Drink bezahlt hat oder du mit deiner freundschaftlichen, zurückhaltenden Art."
Er grinst etwas verlegen.
"Du musst dir ja nicht gleich den Typen zum Vorbild nehmen. Aber wenn du schon das Gefühl hattest, zu ruhig gewesen zu sein, kann es doch kein Fehler sein, dich wenigstens ein bisschen zu ändern."
"Ja, ich weiß was du meinst. Du hast Recht."
Einige Zeit sitzen wir still nebeneinander im Auto.
"Alles klar?", frage ich ihn.
Er grinst mich an. "Ja, ich denke schon."
"Okay, viel Glück noch." Ich öffne die Tür.
"Ja, ich geb mir Mühe. Vielen Dank Mann, du hast mir wirklich geholfen."
Ich stehe bereits auf der Straße. "Kein Problem. Danke fürs Mitnehmen."
Er muss lachen. "Ja, ja, wie du meinst. Ich lad dich mal zu einem Bier ein, ja?"
"Okay, dann kannst du mir ja erzählen, wie's weiterging."
"Ja, mach ich. Und danke noch mal."
Ich nicke und schlage die Türe zu.
Mark startet den Motor und fährt los. Bereits nach wenigen Metern verschwinden die Rücklichter seines Autos um die nächste Ecke und ich bleibe verwirrt auf dem Bürgersteig zurück.
Jetzt bin ich wieder alleine in dieser großen, kalten und dunklen Welt. Keine Regung ist in meiner Nähe zu vernehmen und nur von weit entfernt dringen nicht identifizierbare Laute an mein Ohr. In Gedanken gehe ich noch einmal das Gespräch mit Mark durch und frage mich dabei, ob das wirklich ich war, der ihm diesen ganzen Dreck erzählt hat. Nach dem Motto: Alles wird gut. Wie oft hat man genau solche Geschichten mir schon erzählt und wie wenig haben sie mir gebracht?
Aber warum habe ich ihm nicht das erzählt, was ich für mich als Schluss aus dieser ganzen Sache gezogen hätte. Dass das Leben immer so ist. Ungerecht und Scheiße und dass es sich nie ändern wird. Ich denke kurz darüber nach und muss mir eingestehen, dass ich ihm das auch jetzt nicht sagen würde. Würde er noch einmal zu mir kommen, ich würde ihm ein weiters Mal Mut zusprechen. Aber warum? Bin ich mir meiner eigenen Meinungen und Überzeugungen derart unsicher, dass ich es nicht wage, sie auf einen anderen anzuwenden? Und wenn ja, wieso nehme ich sie dann für mich selbst so wichtig?
Kann es vielleicht sogar sein, dass ich mich da in etwas verrannt habe? Und dass all die, die mir sagten, es gäbe doch noch Hoffnung, vollkommen recht hatten. War ich vielleicht nur zu blind, um es in meinem Leben zu sehen.
Völlig desorientier lasse ich meinen Blick zum Nachthimmel empor wandern. Noch immer stehen die Sterne strahlend über mir. Ich warte auf dieses seltsame Gefühl, doch es kommt nicht. Die Gravitation scheint unerwartet wieder ihre alte Stärke zu haben. Doch im gleichen Moment, in dem ich mich darüber wundere, kommt mir ein anderer Gedanke. Es war vielleicht gar nicht die Erdanziehung, die nachgelassen hat. Könnte es nicht auch sein, dass ich es war, der selbst alle Verbindungen gekappt hat, die mich noch auf der Erde hielten. Und war ich vielleicht in den Momenten, in denen ich zum Sternenhimmel blickte, kurz davor, mich vollends von diesem Planeten zu lösen und mich mit einem Sprung in die schwarze Unendlichkeit zu stürzen?
Ich senke meinen Blick wieder und betrachte die Straßen, Bäume und Häuser um mich, an denen ich fast täglich vorbeikomme. Zum ersten Mal überhaupt habe ich das Gefühl, ich wäre viel mehr selbst für meine Situation verantwortlich, als ich es jemals gedacht hätte.
Mein Blick folgt der Straße, auf der Mark sicher schon vor Minuten verschwunden ist. In mir das fast schon vergessene Gefühl der Verbundenheit zu einem anderen Menschen.
"Ich danke dir", flüstere ich in die Nacht, drehe mich um und gehe nach Hause.
26 Juli 2008
Einsam
Sicher zum zehnten Mal heute Abend werfe ich einen Blick auf die Uhr. Schon fast fünfzehn Minuten Verspätung. Am Himmel haben sich schon wieder die ersten dunklen Wolken zusammengezogen und so wie es aussieht, wird es in den nächsten Minuten noch zu regnen beginnen. Mir kommt es so vor, als wäre es jetzt schon seit Monaten immer das Gleiche. Immer nur Regen, Regen und nochmals Regen. Und ich sitze hier in diesem Kaff fest, in dem es am Bahnhof nicht einmal etwas gibt, wo man sich unterstellen könnte.
Meine Kollegen hatten es da besser. Für sie hieß es gleich nach Schulschluss erstmal für zwei Wochen in den Süden. Badeurlaub vom Feinsten bei vierzig Grad im Schatten. Na ja, zumindest stelle ich es mir so vor. Wenn dieser beschissene Zug irgendwann auftauchen würde, dann würde ich sie ja endlich wiedertreffen und dann könnten sie mir erzählen, ob es schlussendlich wirklich so toll war, wie erwartet. Seit ihrem Urlaub haben wir uns nicht mehr gesehen. Ehrlich gesagt habe ich sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Sie studieren alle drei zusammen an der gleichen Uni, einige hundert Kilometer entfernt von hier. Anfangs kamen sie noch jedes Wochenende nachhause und es war alles so wie früher auch. Aber vor allem zum Semesterende hin hatten alle drei so viel Stress, dass sie den Großteil ihrer Zeit mit Lernen verbrachten und deshalb gar nicht mehr nachhause kamen. Dafür freue ich mich jetzt um so mehr auf sie. Diesen Abend lasse ich mir nicht vermiesen. Scheißwetter hin oder her.
Endlich tauchen auch die Lichter des Zuges in der Ferne auf. Ich sehe auf die Uhr: zwanzig Minuten Verspätung. Aber das ist mir jetzt auch egal. Ich hoffe einfach, dass der Abend wenigstens halbwegs so wird, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
Der Zug hält neben mir und ich steige ein. Drinnen erwartet mich ein Gewirr aus Gesprächsfetzen, Gelächter und blecherner Musik aus Handylautsprechern. Das Abteil scheint voll besetzt zu sein, sogar im Bereich der Stehplätze herrsch schon ziemliches Gedränge. Aber was habe ich mir erwartet? In letzter Zeit geht bei mir alles schief, was irgendwie schiefgehen kann. Wieso soll es gerade heute anders sein. Doch im gleichen Moment, in dem mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, entdecke ich plötzlich Simon am anderen Ende des Abteils, der mir zuwinkt. Sofort hellt sich meine Stimmung auf.
Während sich der Zug schwankend in Bewegung setzt, versuche ich, möglichst ohne an jemandem anzustoßen, durch das voll besetzte Abteil zu kommen. Mein Weg führt mich an den unterschiedlichsten Gestalten vorbei, die aber alle das gleiche Ziel haben: Irgendwo hinfahren und sich betrinken. Normalerweise stehe ich auf so was ja nicht, aber mit den richtigen Menschen um einen macht alles Spaß. Und dann komme ich endlich bei ihnen an. Simon, Markus Andreas und Daniel. Alle bester Laune und bis auf Simon auch alle braun gebrannt. Sie haben es sich zu viert auf zwei Vierer-Plätzen bequem gemacht, so dass ich keine Angst mehr haben muss, keinen freien Platz zu bekommen. Andreas ist gerade dabei, irgendeine Geschichte zu erzählen, aber als er mich sieht, bricht er ab um mich zu begrüßen.
„Da ist er ja endlich!“, ruft er mir zu und auch Markus und Daniel drehen sich jetzt zu mir um und brechen in übertriebenen Jubel aus.
„Ja, ja, ist ja schon gut“, ist das Einzige, was mir einfällt. Irgendwie bin ich es gar nicht mehr gewohnt, mit so vielen Leuten zusammen zu sein und ich fühle mich etwas überwältigt. Gleichzeitig wird mir aber auch das breite Grinsen auf meinem Gesicht bewusst und ich stelle fest, wie sehr ich das alles vermisst habe. Nachdem ich jedem einzelnen die Hand gegeben habe, nehme ich bei Simon und Daniel Platz, die auf der linken Seite des Zuges sitzen.
„Und was war dann mit Markus?“, fragt Simon, als ich mich gerade neben ihn setze. Ich bin zuerst etwas verwirrt, aber anscheinend meint er nicht mich, denn Andreas antwortet ihm.
„Ach ja … Also für alle, die erst später dazugekommen sind“, er blickt mich an, als er das sagt. „Markus meint ja immer, er wäre der Prototyp des echten Mannes. Als solcher braucht er natürlich keine Handschuhe im Winter und auch keinen Regenschirm, wenn es regnet und schon gar keine Sonnencreme, wenn die Sonne so herunterbrennt, dass man Würstchen grillen könnte, indem man sie einfach in die Luft hält.“
Obwohl ich mir jetzt schon denken kann, wie die Geschichte ausgeht, höre ich Andreas wie gebannt zu. Wenn er etwas erzählt, schafft er es immer, mich zum Lachen zu bringen, selbst wenn das Ereignis selbst gar nicht so lustig war. Außerdem sind seine Sticheleien mit Markus legendär und schon jetzt warte ich darauf, bis dieser sich wehrt. Doch noch scheint es nicht so weit zu sein.
„Wenn ich mich richtig erinnere, hat Markus uns sogar noch ausgelacht, als wir uns am Morgen im Hotel eingecremt haben“, erzählt Andreas weiter und wirft dabei einen herabwürdigenden Blick auf Markus, der allerdings ebenfalls bereits Grinsen muss. „War es nicht so, dass du uns noch gefragt hast, wann die Mädchen denn endlich ihre Vorbereitungen abgeschlossen hätten?“
Markus Grinsen wird noch breiter und er sieht etwas verlegen zu Boden. „Ach, halt doch die Klappe“, murmelt er dabei in Richtung Andreas, aber der denkt gar nicht daran.
„Na ja, auf jeden Fall mussten wir dann beim Abendessen ganz schön aufpassen. Es stand nämlich Krebs auf der Speisekarte und wir hatten die ganze Zeit Angst, der Koch könnte Markus auch mit in den Topf werfen. Von der Farbe her hätte es gepasst.“
Andreas erzählt das ganze mit so gut gespielter Sorge, dass ich laut loslachen muss und auch Simon und Daniel können sich nicht mehr zurückhalten. Markus gequälter Gesichtsausdruck macht alles nur noch lustiger, denn er zeigt, dass auch er sich nur ungern an all das erinnert.
„Ich glaube, ich muss nicht erwähnen“, fährt Andreas fort, als wir uns wieder eingekriegt haben, „dass auch die Frauen nicht viel von unserem Krebsmann gehalten haben. Deswegen lief bei ihm die ganze Woche überhaupt nichts.“
Wieder brechen wir in Lachen aus, doch dieses mal wird es Markus zu bunt.
„Du hast doch auch keine abgekriegt, also spiel dich hier mal nicht so auf.“ Markus sagt es zu Andreas, als wäre es ihm wirklich ernst, hat dabei jedoch immer noch ein Grinsen auf dem Gesicht.
Andreas lässt sich das allerdings nicht so einfach gefallen. „Und was war mit der Einen in der Strandbar?“
Jetzt ist es Markus, der lachen muss. „Die, der du einen scheißteuren Cocktail bezahlt hast und die dich dann einfach stehenließ?“
Andreas setzt einen herausfordernden Blick auf. „Ja, genau die.“
Als ich den beiden so zuhöre, kommen mir die ganzen Geplänkel wieder in den Sinn, die die beiden schon untereinander hatten, und mein Grinsen wird noch breiter. Ich stelle fest, wie unglaublich wohl ich mich nach diesen wenigen Minuten fühle, die ich jetzt mit meinen Kollegen verbracht habe. Obwohl wir uns fast zwei Monate nicht mehr gesehen haben, ist es sofort wieder wie früher. All meine Ängste und Sorgen der letzten Wochen sind in diesem Moment wie weggeblasen und ich freue mich einfach über all das.
Andreas hat anscheinend bemerkt, dass seine letzte Antwort zu wenig herausfordernd war und fügt deshalb hinzu: „Immerhin hat sie mir dafür einen Kuss auf die Wange gegeben. Damit war ich schon mal näher an einer heißen Nacht als du.“
So geht es noch einige Zeit weiter, bis der Zug im Bahnhof der Stadt einfährt. Lachend steigen wir zusammen mit einem Großteil der anderen Gestalten aus. Draußen ist es immer noch kalt und es hat leicht zu regnen begonnen, doch das stört mich jetzt überhaupt nicht mehr.
Zusammen mit meinen Freunden gehe ich Richtung Stadtzentrum. Vor und hinter uns sind andere Gruppen von Jugendlichen. Alle scheinen gut drauf zu sein und auch ich genieße das gute Gefühl in mir und freue mich auf den weiteren Abend.
„Und, was hast du so in letzter Zeit getrieben?“, fragt mich Markus, nachdem der Streit zwischen ihm und Andreas dahingehend entschieden wurde, dass bei beiden im Urlaub nichts nennenswertes gelaufen ist und sie beide Loser sind.
„Keine Ahnung. Eigentlich nicht viel, das Wetter war ja die ganze Zeit über ziemlich beschissen …“ Ich hätte ihm auch von den ganzen Überstunden und dem Stress bei der Arbeit erzählen können, den ich dank der Urlaubszeit hatte, aber ich will meine Kollegen heute nicht mit meinen Problemen belasten und ehrlich gesagt will ich auch selbst gar nicht daran denken. Ich will das alles einfach vergessen und meinen Spaß haben.
„Wahrscheinlich hat er wieder die ganze Zeit gearbeitet und jetzt massig Kohle auf dem Konto“, wirft Andreas ein, der mich neben Simon noch am besten kennt.
Ich lache etwas übertrieben. „Ja, vor allem, weil ich ja so viel verdiene.“
„Hey, du darfst nicht vergessen, wir sind alles arme Studenten.“
„Fast alle“, meldet sich Simon, der ebenfalls bereits arbeiten geht. Da er seine Lehre allerdings noch nicht abgeschlossen hat, verdient er noch nicht sonderlich viel.
Ich setze einen nachdenklichen Blick auf. „Okay, in dem Fall sieht es mit meinem Kontostand doch gar nicht so schlecht aus.“
„Da könntest du uns ruhig mal was abgeben“, kommt es von Markus, der mich dabei leicht anrempelt.
„Geht doch selbst arbeiten, ihr Schmarotzer!“, fahre ich Markus an und schubse ihn dabei von mir weg.
„Ach, komm schon, es sind Ferien, ich habe keine Lust zu arbeiten.“
Ich gebe mich geschlagen. „Okay, gut, dann bezahle ich heute zumindest die erste Runde.
Markus grinst mich breit an. „Gut, wir nehmen dich beim Wort.“
Ich zucke nur mit den Schultern. Mittlerweile haben sich die verschiedenen Personengruppen in den Gassen der Stadt verteilt und wir sind fast alleine unterwegs. Überall links und rechts des Weges locken hell erleuchtete und warme Lokale, aber wir wissen genau, wo wir hinwollen, und allzu weit ist es jetzt auch nicht mehr.
Gut gelaunt steigen wir zusammen die Treppe in die Bar hinab. Wir waren früher oft hier und sie ist so etwas wie unsere Stammkneipe. Das Lokal befindet sich in einem alten Keller, ist aber schön und gemütlich eingerichtet.
An der Theke stehen schon einige Leute an und auch sonst ist es bereits gut gefüllt. Als wir uns nach einem Platz umsehen, entdecke ich gleich ein paar flüchtige Bekannte, die ich ebenfalls hier kennengelernt habe. Mit einigen von ihnen werde ich mich heute sicher noch unterhalten, aber erst später am Abend. Jetzt zählen erstmal meine Kollegen. Zum Glück finden wir in einer Ecke noch einen freien Tisch, an dem wir alle Platz haben, und wir setzen uns hin.
"Okay, ich würde sagen, Simon übernimmt die erste Runde, ich glaube, der war noch nie dran." Markus spielt damit auf einen alten Scherz von uns an. Simon war früher immer der, der am schnellsten und am meisten getrunken hat. Wenn wir beim zweiten Bier ankamen und erst richtig warm wurden, war er schon so dicht, dass er nur noch hinter dem Tisch saß und man ihm nicht mehr zutrauen konnte, das er für die ganze Runde was zu Trinken holt.
"Ach, fick dich doch!", kommt es sofort von Simon, der anscheinend gehofft hatte, dass dieses Thema mittlerweile vergessen ist.
Wieder brechen alle in Gelächter aus.
"Ach komm schon, nur dieses eine Mal", bettelt Andreas ihn an, "Du kannst doch einmal eine Ausnahmen machen."
"Hey ..." Simon setzt zu einer Antwort an, aber ich unterbreche ihn.
"Ich geh' schon. Hab’ ich ja versprochen" Während ich das sage, erhebe ich mich bereits, um die Getränke zu holen.
"Ja, das ist doch mal ein Mann", höre ich hinter mir Markus.
"So was möchte ich mal von dir hören", kommt es von Daniel, der jetzt anscheinend auch noch auf Simon herumhacken muss.
Dieser flucht vor sich hin und wieder lachen alle.
Ich gehe derweil an die Bar und bestelle fünf Bier. Wir haben das immer so gemacht. Jedes Mal holt ein anderer die Getränke und auch wenn man von Simon etwas anderes behauptet, bezahlt am Ende meist jeder gleichviel.
Mit den fünf Flaschen irgendwie zwischen meine Finger geklemmt gehe ich zurück zu unserem Tisch und stelle sie dort ab. Daniel und Andreas erzählen Simon gerade abwechselnd von zwei Mädels, die sie anscheinend im Urlaub getroffen haben. Ich stelle jedem sein Bier hin und setze mich dann auch wieder dazu.
Daniel schildert gerade, wie er versucht hat, eine der beiden ins Bett zu bekommen: "Die war irgendwie komisch. Hat von Anfang an nur rumgezickt. Ich dachte dann: Zahlste ihr zwei Bier, dann wird die lockerer und dann wird da schon was laufen. Aber ich sag's euch, das erste Bier hatte die weg wie nichts und ich dachte mir schon: Was geht denn mit der ab? Ich also noch ’n zweites Bier bestellt und die haut wieder voll rein und ich frag mich schon, ob ich so ’ne Alkoholikerin erwischt habe, die mich jetzt mal gemütlich unter den Tisch säuft, während ich ihr alles bezahle. Aber als auch das zweite Bier leer war und ich schon ein neues bestellen will, sieht die mich plötzlich so komisch an und im nächsten Augenblick nimmt sie auch schon ihr Handtäschchen und rennt Richtung Klo ..."
"Musste sie kotzen?", fragt Simon, der ein breites Grinsen auf dem Gesicht hat.
"Sie hat's mir zwar nicht gesagt, aber so bleich wie die danach wieder rausgekommen ist, kannst du drauf wetten. Und getrunken hat sie den ganzen Abend auch nichts mehr ..."
Und während meine Kollegen noch über die Geschichte lachen, verstehe ich plötzlich nicht mehr, was Daniel erzählt. Ich sehe noch das Grinsen auf seinem Gesicht und wie sich sein Mund bewegt und ich höre auch noch die Worte, aber ich verstehe sie nicht mehr. Alles, was er sagt, verschmilzt mit der Musik und dem allgemeinen Lärm um uns. Genauso verschmelzen plötzlich die Gesichter meiner Kollegen mit den Gesichtern all der Leute um mich und den flackernden Lichtern über der Bar. Und dieses ganze Gewirr um mich erscheint mir plötzlich fremd und ich fühle mich so einsam und verlassen, wie noch nie in meinem Leben. Sogar mein Körper fühlt sich plötzlich fremd an, fremd und schwach. Ein kalter Schauer durchfährt mich von oben nach unten und ich spüre, wie ich am ganzen Körper eine Gänsehaut bekomme. Gleichzeitig setzt das Pochen in meiner Brust für einen Herzschlag aus, um dann mit doppelter Geschwindigkeit wieder einzusetzen. Das alles passiert im Bruchteil einer Sekunde. Das Einzige, was ich in dieser Zeit wahrnehme, ist Panik. Panik und der Wunsch, von hier zu verschwinden. Einfach weg, weit weg. Nur mit Mühe kann ich diesem Wunsch widerstehen.
Dann schält sich plötzlich wieder Daniels Stimme aus diesem Gewirr. Er sagt etwas davon, dass wir jetzt endlich anfangen sollten zu saufen. Ich sehe, wie er zu seiner Flasche greift und sie hochhebt, um mit uns anzustoßen.
Ich nehme ebenfalls die Bierflasche vor mir in die Hand und rede mir dabei ein, ich müsse mich zusammenreißen. Zu lange habe ich mich auf diesen Abend gefreut. Auf das Wiedersehen mit meinen alten Kollegen. Das kann ich jetzt nicht so schnell kaputt machen.
Doch schon als ich nach der Flasche greife, bemerke ich, dass meine Bewegungen unsicher und fahrig sind. Ich hebe die Flasche hoch und versuche verzweifelt, sie möglichst ruhig in meinen zittrigen Händen zu halten. Wieder einer Panikattacke nahe, stoße ich trotzdem mit meinen Kollegen an und hoffe, dass niemand etwas merkt. Dabei schaffe ich es aber nicht einmal, ihnen ins Gesicht zu sehen. Mein Blick ist starr auf mein Bier gerichtet.
Nachdem wir angestoßen haben, setze ich gierig die Flasche an meine Lippen und trinke sie in einem Zug bis zur Hälfte leer. Heute will ich mich so richtig besaufen, diesen Entschluss habe ich gerade gefällt. Es ist der einzige Weg, diesen Abend noch zu retten.
Wieder verschwimmt alles um mich und für ein paar Minuten existieren nur ich und mein Bier. Ein Schluck nach dem anderen rinnt meine Kehle hinab und als wüsste ich es nicht selbst besser, hoffe ich jedes Mal, dass ich zumindest ein bisschen etwas spüre. Doch ich fühle nur die Kühle des Bieres, die sich in meinem Magen wie etwas anfühlt, dass dort nicht hingehört. Wieder frage ich mich, ob es nicht besser wäre, einfach zu verschwinden. Doch das kann ich nicht. Ich kann einfach nicht. Ich muss das hier durchstehen. Das Einzige, was mir dabei helfen kann, ist der Alkohol.
Als die Flasche leer ist, höre ich Simon sagen, dass ich heute ein gutes Tempo vorlege. Ich blicke auf und sehe, wie er mich angrinst. Die Flaschen meiner Kollegen sind noch halb voll. Ich will zurücklächeln, aber als ich es versuche, spüre ich, wie meine Mundwinkel zu zucken beginnen, als hätten sie nicht mal mehr die Kraft, diesen falschen Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten. Ich senke schnell meinen Kopf, in der Hoffnung, dass er nichts bemerkt hat.
Als nächstes erklärt sich Simon bereit, Bier zu holen, und alle brechen in Jubel aus. Ich warte schon beinahe gierig darauf, dass endlich Nachschub kommt. Simon geht auf Nummer sicher und bringt die Flaschen unter zwei Mal zu uns. Als er das zweite Mal kommt, wissen wir auch, warum. Er bringt für mich zwei Flaschen, damit mir nicht langweilig werde. Wieder lachen alle und stoßen an. Ich versuche wenigstens halbwegs so zu tun, als wäre auch ich gut drauf.
Beim ersten Bier bemühe ich mich, es dieses Mal etwas langsamer angehen zu lassen, und bekomme schon Sprüche von meinen Kollegen zu hören, ob ich etwa meine ganze Energie bereits beim ersten verbraucht hätte. Wieder muss ich mich anstrengen, um so zu wirken, als könnte ich über ihre Witze lachen, aber ich spüre selbst, dass mir dies immer schlechter gelingt.
Als auch das zweite Bier leer ist, spüre ich immer noch nicht das, was ich eigentlich erhofft habe. Ich spüre nur, dass mir schon langsam schlecht wird, sonst nichts. Verzweifelt mache ich mich an das dritte Bier und schlussendlich hole ich meine Kollegen doch noch ein. Die erhoffte Wirkung bleibt allerdings weiterhin aus.
Andreas ist als nächster an der Reihe. Er fragt, ob wir jetzt was anderes wollen und ich bin für Whiskey. Als er zurückkommt, bringt er mir einen Doppelten. Anscheinend entwickelt sich das für meine Kollegen heute zu einem neuen Witz. Aber mir ist es egal. Ich will nur endlich betrunken sein. Ich will nur endlich meine Gedanken betäuben, will nur endlich weg von hier.
Als wir mit dem Whiskey anstoßen, sehe ich an den Gesichtern meiner Freunde bereits, dass sie mittlerweile schon gut angeheitert sind. Ich spüre immer noch nichts.
Als ich den ersten Schluck trinke, fühle ich, wie eine Wärme meinen Hals hinunterspült und sich dann in meinem Magen ausbreitet. Ich glaube, endlich das Richtige gefunden zu haben.
Aber auch als das Whiskeyglas leer vor mir steht, fühle ich mich immer noch nüchtern. Mittlerweile ist mir dafür so schlecht, dass ich fast Angst habe, nichts mehr hinunter zu bekommen.
Unruhig drehe ich das Glas auf dem Tisch hin und her und beobachte meine Kollegen, ohne dabei wirklich mitzubekommen, was sich zwischen ihnen abspielt. Ich versuche zumindest an den richtigen Stellen kurz zu lachen. Mehr schaffe ich heute Abend einfach nicht.
Endlich geht Daniel los um die nächste Runde zu holen. Wieder kommen die gleichen Sprüche, aber mich stören sie schon gar nicht mehr. In der Zwischenzeit geht Markus aufs Klo und nur noch ich und Andreas sitzen am Tisch. Ich habe keine Ahnung, was ich mit ihm sprechen soll und hoffe nur, dass Daniel bald wieder kommt. Trotz des ganzen Lärmes hier drin entsteht eine peinliche Stille. Andreas ist es dann, der diese durchbricht. Er fragt mich, was heute eigentlich mit mir los sei. Warum ich so ruhig sei.
Ich habe keine Ahnung, was ich antworten soll. Ich weiß nur, dass mir schlecht ist und dass Daniel endlich zurückkommen soll. Nicht nur, um mich aus dieser Situation zu retten, sondern auch, damit ich endlich wieder was zu trinken habe. Ich blicke mich in der Bar unruhig nach ich um, aber ich finde ihn nicht. Dafür treffen sich meine Blicke von Zeit zu Zeit mit denen von anderen Gästen. Mir kommt es so vor, als würden sie mich alle beobachten. Ich habe Angst, sie könnten bemerkt haben, wie es in mir wirklich aussieht. Wenn sie mich wirklich beobachtet haben, dann wäre das nicht einmal schwer. Ich versuche die Gedanken zu verdrängen und suche wieder nach Daniel. Wo bleibt er nur.
Als er endlich auftaucht, ist es schon zu spät. Andreas fragt mich nochmals, was mit mir los sei. Die Übelkeit in mir wird immer stärker. Ich sehe in Andreas’ Gesicht und kann darin nichts mehr erkennen, was mich mit ihm verbindet. Und plötzlich wird mir klar, dass mich mit meinen „Kollegen“ genau so wenig verbindet, wie mit all denn anderen Personen in diesem Raum. Mir wird klar, dass sie für mich nur Ablenkung sind. Ablenkung von meinen beschissenen Gedanken. Und das es immer so sein wird, weil es immer so war. Die Übelkeit in mir wird dabei fast unerträglich. Daniel stellt die Bierflasche vor mich hin und ich greife schnell danach, in der Hoffnung, dass der Alkohol mich doch noch aus dieser ganzen Scheiße befreien kann. Doch ich greife daneben und die Flasche fällt um. Das ganze Bier ergießt sich über den Tisch. Im selben Moment spüre ich, wie sich ein Brechreiz in mir regt. Ich springe auf und renne zum Klo.
Bei den Toiletten angekommen sticht mir das helle Licht der Neonröhren in die Augen, aber ich stürme weiter auf ein unbesetztes Klo zu und beuge mich darüber. Erst denke ich, dass ich den Brechreiz überwunden habe, aber als mir der Geruch von Pisse und zu starkem Putzmittel in die Nase steigt, rebelliert mein Magen und unter einem grässlichen Würgen ergießt sich der ganze Dreck, den ich heute in mich hineingeschüttet habe, in die Kloschüssel. Ich versuche nach dem ersten Schwall gerade wieder Luft zu holen, da kommt schon der zweite, dann der dritte und der vierte. Beim letzten kommt nur noch irgendeine dickflüssige, braune Soße. Mein Magen ist leer. Schwer atmend lehne ich mich gegen die kalte, geflieste Toilettenwand, den Geschmack von Kotze im Mund und Tränen in den Augen. Ich frage mich, ob ich wegen dem Alkohol kotzen musste oder deswegen, weil es mir so beschissen geht. Aber kann es einem so schlecht gehen, dass man sich erbrechen muss?
Und noch während ich so dasitze und mich selbst bemitleide, regt sich bereits ein anderes Gefühl in mir. Ein anderes, altbekanntes Gefühl. Ich spüre, wie sich auf meinem Gesicht ein Grinsen breit macht. Das erste echte Grinsen an diesem Abend. Aber es handelt sich dabei nicht um ein amüsiertes Grinsen, sondern um ein verachtendes.
Ich muss daran denken, was für ein Schwächling ich bin. Ich weiß, dass viele nur davon träumen können, so zu leben, wie ich es tue. Mir fehlt es an nichts. Ich habe genug Geld, ein Zuhause, genug zu essen, eine Arbeit ...
Aber trotzdem ist da dieser Schmerz in meinem Herzen, der von Zeit zu Zeit so stark ist, dass ich Angst habe, daran zu sterben. Und genau deswegen hasse ich mich so sehr. Weil mein Kopf mein Herz nicht versteht und umgekehrt. Und ich kann nichts dagegen tun.
Aber wie ich jetzt so dasitze und mich wie so oft selbst hasse, wird mir eines klar. Mir wird klar, dass es nicht möglich ist, zu überleben, wenn man auf dieser Welt niemanden hat, der einen liebt. Dass es einfach unerträglich ist, wenn man von allen Seiten nur gehasst wird. Vor allem von einem selbst. Aber da ich mich selbst einfach nicht lieben kann, brauche ich wenigstens jemanden auf dieser Welt, der mich liebt. Wenigstens jemanden.
Mit meiner zitternden Hand fahre ich durch meine verschwitzten Haare und frage mich dabei, wo ich so jemanden nur findend soll. Wo soll ich einen Menschen finden, der jemanden wie mich lieben kann?
07 Juni 2008
Are you writing from the heart?
Früher war das die einzige Frage, die ich mir gestellt habe, wenn es darum ging, zu bewerten, ob ich mit einem Text zufrieden bin oder nicht. Solange ich beim Schreiben das Gefühl hatte, ich würde wirklich von Herzen schreiben und die Gefühle so meinen, wie ich sie darstelle, dann war ich zufrieden.
In letzter Zeit habe ich mir allerdings immer mehr Gedanken über viele andere Dinge gemacht. Über den Aufbau, die Themen und alles mögliche. Allerdings muss ich sagen, dass mich das vielmehr davon abgehalten hat, an Geschichten zu schreiben, als dass es mich wirklich vorwärts gebracht hätte. Umso mehr Gedanken ich mir gemacht habe, umso mehr fiel mir auf, was ich noch besser machen könnte und um so unzufriedener bin ich geworden.
Wie gesagt, ob es mir im Gegenzug etwas für meine Geschichte gebracht hat, weiß ich bis heute noch nicht. Allerdings bin ich in den letzten Wochen wieder dazu übergegangen, einfach draufloszuschreiben was mir im Kopf herumgeht und das hat zumindest bis jetzt dazu geführt, dass ich um einiges produktiver geworden bin.
Ich muss dazu sagen, dass es mir bei einer Geschichte hauptsächlich um das eine geht: Gefühle zu transportieren. Und ich selbst habe bisher die Erfahrung gemacht, dass dies vielmehr davon abhängt, ob man das Gefühl hat, der Autor meint es ehrlich, als von Aufbau, Rechtschreibung oder was auch immer. Ich hoffe, anderen geht es auch so.
Deshalb gibt es auch schon heute wieder eine neue Geschichte. Viel Spaß damit.
Wünsche
Allerdings kehren die Jahreszeiten immer wieder und ein Blick zurück bringt auch immer die Hoffnung mit sich, dass es irgendwann wieder so werden wird. Der Sommer kehrt jedes Jahr zurück. Sarah hingegen kommt nicht wieder. Das mit ihr ist vorbei, für immer. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, nicht mehr an sie zu denken. Ich habe versucht, sie hinter mir zu lassen und mein Leben ohne sie weiterzuführen. Ich will mich nicht darauf konzentrieren, was ich verloren habe, sondern darauf, was ich noch bekommen kann. All das gelingt mir nur selten.
Zum Schulabschluss veranstaltete Martin, einer meiner Mitschüler, eine große Party, zu der er alle aus der Klasse eingeladen hatte. Seine Eltern stellten uns dazu ihr Ferienhaus in den Bergen zur Verfügung und verzichteten sogar darauf, uns den ganzen Abend zu überwachen. Wir alle waren froh darüber, die Schule endlich hinter uns gebracht zu haben. Die Sommerferien standen vor der Tür und wir alle wussten, dass sich unser Leben in den nächsten Jahren stark verändern würde. Trotzdem, oder genau deshalb, ließ sich niemand diese Feier entgehen. Alle kamen wir noch einmal zusammen, viele habe ich dort zum letzten Mal gesehen. Bis in die Nacht hinein wurde getrunken, geraucht und herumgealbert. Ein paar Idioten hatten in der Speisekammer einen Kräutertee gefunden und haben sich daraus Zigaretten gedreht, in der Hoffnung, davon hi zu werden. Einer von ihnen hat danach das halbe Bad vollgekotzt. Außerdem erzählte man sich, dass Martin und Lisa sich oben im Schlafzimmer eingeschlossen hätten, was aber niemand wirklich glaubte, weil sich die beiden noch nie leiden konnten. Bis heute weiß ich nicht, was da wirklich gelaufen ist.
Solche Geschichten gab es an diesem Abend noch einige mehr. Mir kam es teilweise so vor, als würde ich einige meiner Freunde erst an diesem Abend wirklich kennen lernen, obwohl ich jetzt vier Jahre lang mit ihnen zur Schule gegangen war.
Erst als der Morgen schon langsam heraufzuziehen begann, beruhigte sich die Party langsam. Einige meiner Mitschüler waren, komplett betrunken, einfach auf einem Stuhl oder der Couch eingeschlafen. Eine Gruppe hatte sich um den Esstisch versammelt um irgendein Kartenspiel zu spielen und in einer Ecke schien eine heftige, aber müde Diskussion im Gange. Nur die Musik dröhnte immer noch mit gleicher Lautstärke durch das gesamte Haus.
Sarah und ich waren zusammen nach draußen gegangen. Wir betrachteten den Himmel, der sich im Osten bereits zu einem matten Blau verfärbte und wir sahen ins Tal hinab, wo vereinzelte Lichtpunkte zu sehen waren. Um uns herrschte Stille und wir lauschten unseren Gedanken, die sich nach dem ganzen Lärm des Abends endlich wieder Gehör verschaffen konnten. Ich fühlte mich vollkommen erschöpft und müde, aber trotzdem wohl, da ich wusste, dass die Sommerferien vor mir lagen, in denen nichts von mir verlangt werden würde.
„Weißt du schon, was du jetzt machen willst?“, fragte mich Sarah, nachdem wir einige Zeit nur dagesessen hatten.
„Nicht so wirklich“, antwortete ich ihr. „Ich werde jetzt erst noch ein Jahr zur Schule gehen und mir dann eine Lehrstelle suchen, mehr weiß ich noch nicht.“ Meine Stimme zitterte leicht, als ich das sagte, und erst da merkte ich, dass ich eine Gänsehaut auf meinen Armen hatte. Es musste ziemlich kalt gewesen sein, aber ich spürte es gar nicht. „Und was ist mit dir?“, fragte ich Sarah nach einer kurzen Pause.
Ein paar Augenblicke schien sie darüber nachzudenken, dann antwortete sie: „Ich weiß es ehrlich gesagt auch noch nicht.“
Über den Berggipfeln ging das dunkle Blau des Himmels langsam aber sicher in ein helles Weiß über. „Ist schon komisch“, sprach ich mit ruhiger Stimme weiter, „wir stehen vor Entscheidungen, die unser ganzes Leben verändern werden, und lassen einfach alles auf uns zu kommen.“ Neben mir nahm ich eine Bewegung von Sarah war und drehte mich zu ihr um. Mit einem nachdenklichen Lächeln auf dem Gesicht sah sie mich an.
„Ja, da hast du recht.“ Sie senkte ihren Blick auf den Boden und riss ein paar Grashalme aus der Wiese, auf der wir saßen. „Aber weißt du, das alles erscheint mir irgendwie so unwichtig. Klar, ich mache jetzt diese Schule und hoffe, dass ich irgendwann Erzieherin in einem Kindergarten werde um dort vielleicht ein paar Jahre zu arbeiten. Aber es ist nicht so, dass ich das wirklich möchte … Ach, ich möchte es schon, klar, aber es ist kein Ziel von mir, das zu erreichen. Ich wünsche es mir nicht. Ich mache es einfach um irgendetwas zu machen.“ Wieder trat eine kurze Stille zwischen uns ein. „Verstehst du?“ Sie blickte hoffnungsvoll zu mir auf.
„Und was wünschst du dir?“, fragte ich, ohne ihr zu antworten.
Ein kurzes Lächeln umspielte ihre Lippen und sie senkte den Blick wieder. „Ach, ich weiß selbst nicht …“
Es war einer der wenigen Momente, in denen ich Sarah verlegen erlebt habe, und das machte ihn für mich zu etwas ganz Besonderem. „Ach, sag schon“, versuchte ich eine Antwort aus ihr herauszubekommen. Auch ich lächelte jetzt.
Eine Weile betrachtete ich sie, wie sie nervös neben mir saß und wahrscheinlich nach einer Formulierung suchte, um das zu auszudrücken, was sie wirklich sagen wollte. „Ich will einfach irgendwann eine glückliche Familie“, begann sie dann. Ihre Stimme klang sanft, als wollte sie die Stille um uns nicht unnötig stören. „Einen Mann, ein paar Kinder, zwei oder drei, und vielleicht ein eigenes Haus. Mehr will ich gar nicht.“ Ich sah, wie sich ein Lächeln über ihr ganzes Gesicht ausbreitete. „Ich stelle es mir so schön vor, ein kleines Kind aufzuziehen, es in den Armen zu halten, ihm die Welt zu zeigen …“ Sie verstummte abrupt und sah mich dann grinsend an. „Aber du verstehst das sicher nicht.“
Ich grinste zurück. „Ach komm, nur weil ich ein Mann bin?“
Sie antwortete nicht, sondern blickte jetzt auch an den Horizont, an dem es so aussah, als könnte die Sonne jeden Moment dahinter hervorkommen. Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, bekomme ich jedes Mal einen Stich im Herzen. Ich hätte dieser Mann sein können. Ich hätte ihr ihren Wunsch erfüllen können. Doch jetzt ist es vorbei und damals waren mir solche Gedanken überhaupt nicht gekommen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie mir nie gekommen wären.
„Ich glaube, irgendwann wird sich mein Wunsch erfüllen“, sprach Sarah ein paar Augenblicke später weiter. „Man sagt, wenn man irgendetwas von ganzem Herzen will, wenn man es sich so sehr wünscht, wie nichts anderes auf der Welt, dann setzt sich das ganze Universum in Bewegung, um einem diesen Wunsch zu erfüllen.“ Sie blickte mich an und ihre Augen wirkten seltsam ernst. „Hast du davon schon einmal gehört.“
Ich nickte. Ja, ich hatte schon davon gehört, aber ich hatte nie viel darauf gegeben.
„Ich glaube daran“, sagte Sarah und richtete ihren Blick dann wieder in die Ferne.
Ich nahm mir die Worte von Sarah zu Herzen und mit der Zeit begann ich auch daran zu glauben. Immer wieder schien es mir, als wäre wirklich etwas an dieser Geschichte dran. Immer, wenn ich etwas wirklich wollte und mich bemühte, kam ich meinem Ziel plötzlich unerwartet schnell näher. Als würden sich Kräfte für mich einsetzen, die nicht nur von mir kamen. Doch schlussendlich lief es immer auf das selbe hinaus. Kurz vor dem Ziel zerfiel alles in Trümmer und ich stand vor dem Nichts. Wie bei der Sache mit Sarah. Dann blieb nur noch, daran zu glauben, dass es nicht wirklich mein Herzenswunsch war, dieses Ziel zu erreichen, und darauf zu hoffen, dass ich irgendwann das finden würde, was ich mir wirklich wünsche.
Die gleichen Leute sagen auch, dass es einem nur schlecht geht, wenn man sich wünscht, dass es einem schlecht geht. Auch wenn man es selbst vielleicht gar nicht bemerkt.
In letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, ob das bei mir der Fall ist. Will ich wirklich, das alles immer kurz vor der Erfüllung zerbricht? Will ich vielleicht Leiden? Will ich, das mir all das passiert?
Suche ich nur nach Gründen, damit ich irgendwann sagen kann, ich konnte einfach nicht mehr anders? Ist es nur eine Art, sich vor der Verantwortung zu drücken, die ich bekommen würde, wenn mir wirklich einmal etwas gelingen würde? Will ich die ganze Zeit über nichts anderes, als dem allem endlich ein Ende zu setzen?
Und wenn ja, kann ich mir dann nicht einfach etwas anderes wünschen? Kann ich mir nicht einfach etwas schönes wünschen und es dann bekommen?
„Was wünschst du dir?“, fragte mich Sarah. Es waren bestimmt einige Minuten vergangen, aber die Sonne zeigte sich immer noch nicht.
Ich dachte kurz nach, da ich mir diese Frage selbst nie wirklich gestellt hatte, aber ich kam zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. „Ich weiß auch nicht“, antwortete ich dann endlich. „Ich möchte einfach glücklich sein, genauer kann ich meinen Wunsch nicht formulieren.“
Sarah sah mich mit diesem mitfühlenden Blick an, den ich so zu schätzen gelernt habe. „Irgendwann wirst du wissen, was du brauchst, um glücklich zu sein, und dann wirst du es auch bekommen.“
Ich spürte eine angenehme Wärme in mir aufkommen und ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Meinst du?“
Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erhellten ihr Gesicht. „Ja, ganz sicher.“ Ich blickte ihr einen Moment in ihre grünen Augen, dann wandte sie sich lächelnd ab. „Wollen wir reingehen, es ist ziemlich kalt?“, fragte sie mit leiser Stimme.
„Ja“, antwortete ich, erhob mich dann und reichte ihr meine Hand, um ihr aufzuhelfen. Zusammen gingen wir zurück ins Haus.
Heute glaube ich zu wissen, was ich suche. Aber es ist bestimmt nichts, an das Sarah an diesem Morgen gedacht hat. Es ist auch nichts, an das ich gedacht habe. Aber es kommt mir so vor, als wäre es der einzige Wunsch, den ich wirklich in meinem Herzen trage, und irgendwann wird er sich erfüllen. Das ganze Universum wird mir dabei helfen.
01 Juni 2008
I mean nothing to no one but that's nobodys fault
Aber genug davon. Die letzten Monate waren zwar extrem hart für mich, aber jetzt scheint alles langsam wieder bergauf zu gehen und aus diesem Grund habe ich auch wieder Motivation gefunden, an meinem Blog weiter zu arbeiten. Erstaunlicherweise habe ich nämlich gerade in der Zeit, in der es mir am schlechtesten ging, einiges zu Papier gebracht, was jetzt nur darauf wartet, überarbeitet und veröffentlicht zu werden. Es wird zwar nicht so sein, dass ich jetzt täglich etwas neues online stellen werde, immerhin will ich nicht wieder gleich mein ganzes Pulver verschießen, aber es wird bestimmt häufiger Updates geben als bisher.
An der Geschichte über Freundschaft, die ich heute eingestellt habe, habe ich ziemlich lange gearbeitet. Es gab schon mal eine ganz andere Version, die mir aber überhaupt nicht gefallen hat. Mit dieser hier bin ich halbwegs zufrieden.
Ich finde es ist ziemlich schwer über dieses Thema zu schreiben, weil es schon in dutzenden kitschigen Hollywoodfilmen behandelt worden ist und die „Aussage“ ziemlich abgedroschen klingt. Trotzdem war es mir wichtig, diese Geschichte zu schreiben. Vor allem auch deswegen, weil ich gelernt habe, dass die beste Aussage nichts bringt, wenn sie (in diesem Fall) der Leser nicht wirklich ernst nimmt. Oft hört man doch immer wieder die gleichen alten Weisheiten und denkt keine Sekunde darüber nach und erst wenn man sie in einem anderen Zusammenhang sieht, wird einem klar, wie viel Wahrheit dahintersteckt.
Deswegen denke ich, dass es nicht ganz sinnlos war, diese Geschichte zu schreiben.
Zum Abschluss möchte ich noch eine Webseite empfehlen, über die ich in den letzen Wochen durch Zufall gestolpert bin. Als Hobby-Autor kennt man doch das Problem: In Literaturforen sind hauptsächlich andere Autoren zu finden, die einem zwar wichtige Ratschläge zum Text geben, die man aber nicht wirklich als „Leser“ ansehen kann und auf private Homepages oder Blogs verirrt sich auch so gut wie nie jemand, der einfach nur daran interessiert ist, eine gute Geschichte zu lesen.
Eine gute Lösung für dieses Problem ist meiner Meinung nach die Seite bookrix.de. Dort kann man als Schriftsteller seine Werke in recht professioneller Weise online stellen und sie so einem breiteren Publikum zugänglich machen. Die Community ist noch sehr jung, wächst aber mit jedem Tag und nach meinen bisherigen Erfahrungen kann ich sie nur jedem weiterempfehlen. Zumindest habe ich in den wenigen Tagen, in denen ich meine Geschichten dort eingestellt habe, mehr Kommentare und Bewertungen bekommen, als in der ganzen Zeit in der dieser Blog nun existiert.
Freundschaft
„Hi, hier spricht Tom.“
„Hallo.“
„Und, wie läuft’s so?“ Er klingt gut gelaunt und freundlich. Genau so, wie ich ihn in Erinnerung habe.
„Soweit ziemlich gut. Wie immer“, antworte ich „du kennst mich ja.“
Er lacht.
„Und bei dir?“
„Ja, im Großen und Ganzen nicht schlecht.“
„Alles klar mit der Wohnung und so?“ Das er mich bei der Einweihungsparty seiner Wohnung so mies behandelt hat, habe ich ihm bereits verziehen. Ich freue mich einfach, dass er sich wieder einmal meldet.
„Ja, läuft recht gut. Allerdings ist es mehr Arbeit als ich erwartet hätte.“
Jetzt muss ich lachen. Zwischen uns scheint alles wieder so zu sein, wie zu der Zeit, als er noch hier wohnte.
„Hast du heute noch was vor?“
„Ne, nichts Besonderes“, antworte ich.
„Stört es dich, wenn ich später kurz vorbeikomme.“
„Nein, überhaupt nicht.“ Mich freut es sogar sehr, dass er wieder einmal vorbeischauen will.
„Gut, dann bis etwa in einer Stunde.“
„Okay, bis dann.“
Er verabschiedet sich und legt auf.
Noch während ich darüber nachdenke, warum Tom sich wohl plötzlich wieder bei mir meldet, beginne ich die Wohnung aufzuräumen. Ich will schließlich, dass es halbwegs ordentlich ist wenn schon einmal jemand zu besuch kommt. Sonst habe ich sowieso nie die Motivation dazu.
Eine Stunde später habe ich den kompletten Abwasch der letzten Woche, der sich schon gestapelt hat, erledigt, den Boden gekehrt, das Sofa abgesaugt und die Möbel abgestaubt. Ich sitze mit einem Glas Wasser am Küchentisch und überlege mir schon, was wir zusammen machen könnten. Ich habe ein paar neue DVDs, die Tom bestimmt gefallen werden und auch ein paar CDs, die ich ihm vorspielen will. Ich beschließe, schonmal eine der CDs einzulegen und dann auf ihn zu warten.
Als es endlich klingelt, ist das Album bereits halb durch. Trotzdem freue ich mich, als ich die Tür öffne und Tom vor mir steht. Er hat sich kaum verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Sein Haar ist etwas länger und er hat sich einen kurzen Bart stehen lassen, aber ansonsten ist es immer noch der alte Tom.
„Sorry, ich musste noch was erledigen, ist etwas später geworden.“
„Kein Problem.“ Ich mache ihm keine Vorwürfe deswegen, das kann ja mal vorkommen.
Er setzt sich an den Tisch und sieht sich in der Wohnung um.
„Willst du was trinken?“, frage ich ihn.
„Ja, aber nur Wasser oder so was.“
„Bier hätte ich sowieso keins da.“
„Ja, war mir schon klar“, sagt er schmunzelnd.
Nachdem ich ihm ein Glas Wasser hingestellt habe, sprechen wir kurz über den vergangenen Monat. Was wir so erlebt haben und wie es bei der Arbeit läuft. Das Übliche eben. Die Sache mit der Party sprechen weder er noch ich an. Trotz der anfänglich guten Stimmung werden Toms Antworten immer einsilbiger und nach einiger Zeit sitzen wir uns schweigend gegenüber.
„Ich bin eigentlich gekommen um dich was zu fragen.“ Er blickt auf sein Glas, als er das sagt.
„Ja, was denn?“
„Naja, weißt du, mit der Wohnung gibt es doch etwas Probleme. Ich habe mich etwas verkalkuliert mit der Kaution und den ganzen neuen Möbeln und allem.“
„Wollen sie dich etwa rauswerfen?“ Plötzlich bin ich besorgt um Tom. Er hat lange gebraucht um das aufzubauen und ich weiß, dass es ihm sehr wichtig ist.
„Nein, so schlimm ist es nicht. Aber die Miete für den nächsten Monat steht an und ich hab’ nicht genug Geld auf der Seite um sie pünktlich zu zahlen.“
Ich nicke und weiß schon, worauf er hinaus will.
Er grinst mich etwas beschämt an. „Es würde kein gutes Bild machen, wenn ich schon beim ersten Mal nicht pünktlich wäre.“
„Ja, kann ich mir vorstellen.“
„Deshalb wollte ich fragen, ob du mir vielleicht nochmal was leihen könntest.“ Er blickt mich an und ich sehe in seinen Augen, dass er das Geld wirklich nötig hat. Mir ist sofort klar, dass ich es ihm gegen werde. Egal, wie viel er braucht, und wenn es die ganze Miete ist. Es ist mir auch klar, dass ich es vielleicht nie mehr zurückbekomme, aber das kümmert mich gar nicht. Geld ist eines der wenigen Dinge, von denen ich genug habe. Ich wüsste auch nicht, wofür ich es ausgeben sollte. Das meiste was ich will, kann man sich mit Geld sowieso nicht kaufen. Deshalb bin ich froh, wenn ich wenigstens anderen damit helfen kann. Allerdings will ich auch, dass er meine Hilfe anerkennt.
„wie viel brauchst du denn?“
„Etwa dreihundert Euro.“
Ich denke kurz nach. „Und bis wann?“
Er blickt wieder verlegen auf sein Glas. „Morgen erwartet der Vermieter das Geld.“
Ich reibe mit Daumen und Zeigefinger über mein Kinn.
„Tut mir Leid das ich deswegen zu dir komme und dann auch noch so kurzfristig, aber ich dachte eben bis zuletzt, dass ich es selbst auf die Reihe bekomme.“ Er klingt, als würde es ihn ernsthaft bedrücken.
„Ach, kein Problem. Wenn du willst, kann ich dir das Geld noch heute geben.“
„Echt?“
„Ja, kein Problem.“
„Das wäre echt super Mann.“ Man sieht, dass eine Last von ihm abgefallen ist. Er grinst übers ganze Gesicht. „Du bekommst es auch bestimmt zurück. Es ist nur jetzt am Anfang etwas stressig alles auf die Reihe zu bekommen.“
Ich nicke nur.
„Gut, ich muss dann leider schon wieder los.“ Tom erhebt sich von seinem Stuhl, als er das sagt.
Enttäuschung macht sich in mir breit, als er so plötzlich aufbricht. „Echt?“
„Ja, bin noch mit ’ner Freundin verabredet und die wartet bestimmt schon auf mich.“
„ach so. Ja, kein Problem.“ Ich begleite ihn zur Tür.
„Dann komme ich heute Abend nochmal vorbei, okay?“
„Ja, ich geh’ jetzt gleich zur Bank und dann bin ich den ganzen Abend zuhause.“
„Gut. Dann sehen wir uns heute nochmal.“
„Ja, bis dann.“
„Tschau.“ Tom eilt die Treppe hinunter und ist schon im nächsten Augenblick wieder aus meinem Leben verschwunden.
Ich schließe die Tür und mache mich auf die Suche nach meiner Bankomatkarte um das Geld für ihn zu holen. Im Radio läuft gerade das letzte Stück der CD. Ich denke an all die Sachen, die wir eigentlich hätten machen können, doch jetzt ist er schon weg. Aber am Abend kommt er ja nochmals vorbei. Vielleicht hat er dann mehr Zeit. Vielleicht.
Ich mache mich auf den Weg zur Bank.
Bereits etwas genervt werfe ich einen Blick nach draußen auf die düstere Landschaft, die an uns vorbeirauscht. Wiesen und Wälder, die schon in kurzer Entfernung vom Nebel verschluckt werden. Der Regen prasselt gegen die Scheiben, sammelt sich zu kleinen Rinnsalen und wird vom Wind mitgenommen.
Da mich der Anblick dieser düsteren Landschaft nur herunterzieht, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Innere des Zuges. Rund um mich nehme ich den Geruch von feuchter Kleidung und nassen Regenschirmen war. Der Mittelgang ist vom Wasser von den Schuhen der einsteigenden Passagiere bedeckt. Vom Heizkörper unter mir strömt mir eine heiße und unangenehm trockene Luft entgegen, die sich seltsamerweise nicht mit der feuchten Kälte zu vermischen scheint.
„Ach verdammt. Nein, ich habe heute schon was anderes vor … Ich gehe ins Kino … Ja, mit einem Arbeitskollegen.“
Ich schnappe diese Worte auf, ohne dass ich es wirklich will. Schon seit wir losgefahren sind telefoniert Katharina fast ununterbrochen. Ich habe mich die ganze Woche auf diesen Tag gefreut und jetzt, als es endlich so weit ist, scheint alles schief zu gehen.
Katharina arbeitet seit ein paar Monaten mit mir in der gleichen Firma, allerdings im Büro. Trotz der kurzen Zeit, die sie bei uns arbeitet. Hat sie sich schon gut eingefunden. Eigentlich jeder in der Firma mag sie. Sie ist bei jedem Spaß dabei und hat viele Freunde. Anfangs hatte ich nicht sonderlich viel mit ihr zu tun, aber bei einer Firmenfeier sind wir kurz ins Gespräch gekommen und haben uns überraschend gut verstanden. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie sich hauptsächlich darüber Gedanken macht, wie sie ihren Tag mit möglichst vielen sinnlosen Aktivitäten füllen kann. Allerdings war dem überhaupt nicht so. Wir haben uns über Bücher unterhalten, die wir beide gelesen haben, über unsere Hobbies und über vieles andere. Sie hat mir erzählt, dass sie in ihrer Freizeit gerne fotografiert, allerdings nicht oft dazukommt. Leute, die etwas kreatives machen, hinterlassen bei mir sofort einen besseren Eindruck.
In den Wochen danach haben wir uns dann von Zeit zu Zeit in der Firma getroffen oder auch mal telefoniert, aber trotzdem hatte ich nie das Gefühl, wirklich mit ihr in Kontakt zu kommen. Es waren immer nur kurze Begegnungen in denen wir uns kaum ernsthaft über etwas unterhalten konnten und nach denen ich immer das Gefühl hatte, dass ich nur einen kurzen Blick auf die Person werfen konnte, die sie wirklich ist und umgekehrt.
Deshalb habe ich mich auch so auf diesen Tag gefreut. Wir haben beschlossen, zusammen ins Kino zu gehen. Jeder von uns hat Interesse an dem Film und wir beide haben niemanden gefunden, der ihn sich mit uns ansehen will. Es ist keiner dieser Filme, die groß beworben werden und bei denen die Kinosäle voll sind. Ich bin auch nur durch Zufall auf eine winzige Anzeige in einer Zeitung gestoßen. Die Geschichte klang allerdings sehr interessant und so habe ich mich nach jemandem umgesehen, der mich begleiten würde.
„Ja, wenn du willst kannst du ja nachkommen. Wir warten dann auf dich.“
Auf Katharinas Gesicht erscheint ein Grinsen, während sich in meinem Magen ein flaues Gefühl breitmacht.
„Okay, bis dann. Tschüs.“ Endlich legt sie auf und steckt ihr Handy zurück in ihre Handtasche. „Macht es dir was aus, wenn noch eine Freundin von mir mitgeht?“, fragt sie mich in fröhlichem Ton. „Sie studiert und ist nicht oft zuhause, deshalb habe ich sie jetzt schon über einen Monat nicht mehr gesehen und da würde ich sie gerne wieder einmal treffen.“
„Nein, kein Problem.“ Ich sage das, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht damit einverstanden bin.
„Ich kenne sie schon seit Jahren, aber seit ich angefangen habe zu arbeiten habe ich so wenig Zeit, dass wir uns fast nie mehr sehen können. Das ist eigentlich das Einzige, was mich an der Arbeit wirklich stört. Allerdings muss man dann eben auch flexibel sein, wenn sich die Möglichkeit einmal bietet. Sie ist auch eine ganz Liebe …“ Und so erzählt Katharina weiter von ihrer Freundin, bis wir aus dem Zug aussteigen.
Vom Bahnhof fahren wir dann weiter zum Kino. Auf der ganzen Fahrt bin ich bedrückt und habe eigentlich gar keine Lust mehr auf den Nachmittag. Die meiste Zeit sitzen ich und Katharina schweigend nebeneinander und blicken auf den Regen hinaus. Ich zeichne Muster auf die beschlagenen Fensterscheiben.
Als wir endlich beim Kino ankommen sagt Katharina, sie würde vor der Tür auf Melanie, ihre Freundin, warten.
„Du kannst ja schon Popcorn besorgen“, weist sie mich an.
„Okay, wie viel soll ich bringen?“ Ich versuche noch immer, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
„Bring gleich drei große Tüten, Melanie nimmt bestimmt auch.“
So verschwinde ich also im Gedränge der Eingangshalle und kaufe für uns drei Popcorn ein. Eigentlich hätte ich mir auch noch gerne was zum Trinken gekauft, aber immerhin habe ich nicht mehr als zwei Arme. Als ich bezahlt habe und mich wieder auf den Weg zurück zum Eingang mache, kommen mir Katharina und ihre Freundin bereits entgegen. Wir begrüßen uns und ich gebe ihnen das Popcorn.
„wie viel hat das gekostet?“, will Katharinas Freundin wissen und sucht in ihrer Tasche schon Kleingeld.
„Ach, gar nichts. Ich lade euch ein.“
Sie lächelt mich an. „Danke.“
Obwohl sie wirklich nett zu sein scheint, stört mich ihre Anwesenheit. Wieder habe ich das Gefühl, vollkommen fehl am Platz zu sein. Hier nicht erwünscht zu sein.
„Und, was wollt ihr euch ansehen?“, will sie als nächstes wissen.
Katharina zuckt nur mit den Schultern und deshalb antworte eben ich.
Melanie verzieht das Gesicht. „Hmm, noch nie gehört. Was ist das für ein Film?“
„Naja, laut Programm ist es ein Drama. So viel weiß ich über den Film aber auch nicht.“
„Ach ne, ich mag keine traurigen Filme.“ Melanie wendet sich enttäuscht zu Katharina um, die sich zu dem Thema noch gar nicht geäußert hat.
Kurz hoffe ich sogar, Melanie würde wieder nach Hause gehen, aber dem ist leider nicht so.
„Läuft nicht auch irgendwas Komisches?“ Sie sieht Katharina und mich fragend an, bekommt aber keine Antwort. „Soll ich vielleicht mal an der Kasse nachfragen?“
Ich will schon den Kopf schütteln, aber Katharina scheint die Idee plötzlich ganz toll zu finden.
„Ja, frag’ mal nach, vielleicht läuft wirklich irgendwas gutes.“
Drei Stunden später stehen Katharina und ich wieder am Bahnhof. Schlussendlich hat Melanie ihren Willen bekommen und wir haben uns eine Teenie-Komödie angesehen, auf die wir allerdings erst eine dreiviertel Stunde warten mussten. In der Zeit haben sich Katharina und Melanie lebhaft über deren Studium unterhalten, während ich so gut wie gar nicht zu Wort gekommen bin. Danach konnte ich mir eineinhalb Stunden lang ansehen, wie sich irgendwelche Idioten gegenseitig ins Essen, in die Getränke und wo sonst noch hin urinierten oder ejakulierten, während Zwischendurch immer wieder jemand ein Bein oder einen Ball in die Lendengegend abbekam. Katharina und Melanie schienen sich köstlich zu amüsieren, während ich nur hoffte, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen.
Jetzt hat sich Melanie endlich von Katharina verabschiedet und wir stehen alleine hier und warten auf den Zug. Über uns hat sich das Grau des Himmels bereits in ein tiefes schwarz verwandelt. Der Regen prasselt immer noch unverändert stark auf das Blechdach unseres Unterstandes. Wie auf Befehl klingelt Katharinas Handy nur kurze Zeit, nachdem Melanie verschwunden ist.
Als wir in den Zug einsteigen hat sie endlich Zeit, sich mit mir zu unterhalten. Zum ersten Mal an diesem Tag scheint sie mich wirklich zu beachten.
„Und, wie hat dir der Film heute gefallen.“
Ich verziehe mein Gesicht zu einem angestrengten Lächeln. „Naja“, antworte ich, „ich hätte lieber den Anderen gesehen.“
„Ja, der wäre sicher auch nicht schlecht gewesen. Aber irgendwie war mir heute auch mehr nach was Lustigem.“ Sie beginnt zu lachen, anscheinend immer noch amüsiert über den Film.
Ich blicke etwas verärgert zum Fenster hinaus, vor dem jetzt nur noch von Zeit zu Zeit ein paar dunkle Schemen auftauchen.
„Wir können den anderen Film ja auch noch ansehen. Von mir aus irgendwann nächste Woche. So lange wird er doch noch laufen.“
Die Aussicht auf einen weiteren Tag mit Katharina stimmt mich von einem Moment auf den anderen um. „Also ich würde mich freuen“, antworte ich schnell.
„Ja, ich weiß zwar noch nicht, wann ich Zeit habe, aber ich ruf’ dich dann einfach an, okay?“
„Ja klar, ich habe immer Zeit.“
Sie lächelt mich an. „Ist gut.“
Die Ansage gibt die nächste Station durch.
„Okay, ich muss dann hier raus“, sage ich zu ihr.
Ihr Handy klingelt schon wieder und sie beginnt sofort in ihrer Tasche zu kramen.
„Dann noch einen schönen Abend“, wünsche ich ihr, als ich sonst keine Reaktion bekomme.
„Ja, dir auch“ Ihre Stimme wirkt schon ganz abwesend.
„Tschüss.“
Sie blickt auf das Display, um zu sehen, wer sie anruft. „Ach, immer bekomme ich Anrufe von Leuten, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben will“, murmelt sie dabei. Im nächsten Moment nimmt sie das Gespräch entgegen und meldet sich mit der selben freundlichen Stimme, die ich von ihr gewohnt bin.
Als ich durch den Zug nach vorne zu den Türen gehe, frage ich mich, ob ich auch zu den Leuten gehöre, mit denen sie eigentlich gar nichts zu tun haben will.
Als ich nach Hause komme denke ich bereits darüber nach, was ich das nächste Mal besser machen könnte. Es kotzt mich an, dass ich den ganzen Tag so schweigsam und genervt war. Ich hätte mich doch ein wenig zusammenreißen können. So schlimm war es schließlich auch wieder nicht.
Ich gehe in mein Zimmer und frage mich, was ich mit der Zeit anfangen soll. Der nächste Kinobesuch scheint mir das einzig Wichtige in den nächsten Tagen.
Ich setze mich an den Computer und fahre ihn hoch. Um etwas Musik zu hören oder sonst was. Irgendwas wird mir schon einfallen.
Als der Messenger startet, sehe ich, dass Simon online ist und er schreibt mich auch sofort an.
Simon: Hey, wie geht’s?
Ich: Geht so.
Simon: Wo warst du denn?
Ich: Mit einer Arbeitskollegin im Kino.
Simon: Aha.
Simon: Und, war nicht so toll, oder wie?
Ich: Nein, ist Scheiße gelaufen.
Simon: Hmm, hast du noch Lust vorbeizukommen?
Kurz denke ich darüber nach, aber dann stimme ich zu.
Simon: Dann bist später.
Ich: cu
Als ich bei Simon bin fragt er mich gleich nach dieser Arbeitskollegin und was denn passiert sei. Ich erzähle ihm die ganze Geschichte. Jedoch versuche ich bereits alles so hinzubiegen, dass Katharina nicht ganz so schlecht dasteht.
„Ich hatte einfach einen schlechten Tag, ich weiß auch nicht“, schließe ich ab.
„Ach, das wird schon wieder. Immerhin hat sie ja angeboten, nochmal mit dir ins Kino zu gehen. So schlimm wird es also nicht gewesen sein“, muntert mich Simon auf, nachdem er sich alles angehört hat.
Ich grinse ihm zu um zu zeigen, dass ich mir da nicht ganz so sicher bin. Und als wir so dasitzen wird mir plötzlich klar, wie wenig ich Simon eigentlich schätze.
Während ich bei anderen immer versuche, einen guten Eindruck zu hinterlassen, kann ich mich bei ihm so verhalten, wie ich wirklich bin und er hat sich noch nie darüber aufgeregt. Auch wenn ich ihm wieder einmal stundenlang meine Probleme vorgejammert habe, hat er sich alles geduldig angehört und hat versucht, mich aufzumuntern. Ich habe mich nie darum bemüht, die Zeit mit ihm besonders toll zu gestalten, mit ihm irgendetwas zu unternehmen, was ihm Spaß machen könnte oder etwas in der Richtung. Ich habe es einfach immer als selbstverständlich betrachtet, dass er da ist und dass ich mit ihm über alles reden kann.
Andere verlangen immer nur von mir. Sie kommen sowieso nur, wenn sie etwas brauchen. Geld oder irgendeine andere Hilfe. Und ich gebe ihnen alles, weil ich denke, dass sie es Wert sind. Simon hingegen verlangt nie etwas und trotzdem ist er der Einzige, der mir etwas gibt. Der mir seine Hilfe und seine Zeit anbietet.
Ich frage mich, warum mir all die anderen Menschen so wichtig erscheinen, wo ich doch noch nie etwas von ihnen bekommen habe. Meine ganze Beziehung zu ihnen besteht aus der Hoffnung, dass ich irgendwann einmal etwas Besonderes durch sie bekommen werde. Dabei lasse ich mich immer wieder auf ein anderes Mal vertrösten und bekomme schlussendlich doch nichts zurück.
Mir wird klar, was für ein Arsch ich Simon gegenüber bin. Ich behandle ihn kaum anders als manche meiner „Freunde“ mich behandeln. In diesem Moment würde ich ihm am liebsten für alles danken, was er für mich getan hat. Aber ich kann es nicht. Es wäre einfach zu billig. All die Zeit die er für mich geopfert hat mit einem einfachen „Danke für alles“ auszugleichen, würde alles nur noch schlimmer machen.
Mir bleibt nur, mir vorzunehmen, mehr darauf zu achten, wer mir wirklich etwas gibt und dass dann auch gerecht zurückzugeben. Bis dahin kann ich nur hoffen, dass Simon bemerkt, wie dankbar ich ihm für alles bin.
14 Oktober 2007
I'll fight like hell to hide that I've given up
In der Linkliste sind übrigens zwei neue Seiten zu finden, die ich nur empfehlen kann:
... wie ich ...
Belgaraths Lyrikwelt
Manchmal ...
Ihr taten die Worte leid, wie sie so einsam dalagen und vom Wind bereits bis zum Rand des Weges getragen worden waren. Nur noch ein paar Augenblicke und sie würden über die Kante rollen und wären für immer verschwunden.
"Was meinst du damit?", fragte sie, in der Hoffnung, seine Worte damit noch einzuholen. Sie wusste, dass sie nur einen schwachen Gefährten hinterhergeschickt hatte, aber es war besser als nichts.
"Ich will nicht mehr." Begann er noch einmal, doch was er hörte, enttäuschte ihn genauso sehr wie beim ersten Mal. Verzweifelt fuhr er fort: "Ich … ich will nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Nicht mehr reden ... Ich will nicht mehr weitermachen und schon gar nichts mehr Neues anfangen. Ich will nicht mehr fühlen und nicht mehr denken … Selbst was ich will, will ich nicht mehr." Er sah, wie sich die Worte vor ihm aufbauten, aber sein Herz wurde kein bisschen leichter.
Ein kühler Wind strich über ihre Arme und bescherte ihr eine Gänsehaut während sie ihm so zuhörte. Mit einem Schlag war der Abend in die Nacht übergegangen und diese brachte eine herbstliche Kälte mit sich, die langsam in ihren Leib kroch und vielleicht bis zu ihrem Herzen vordringen würde.
Bei all den Worten, die er zwischen ihnen auftürmte, fiel es ihr immer schwerer, ihn dahinter noch zu erkennen. Doch sie gab sich Mühe, denn sie liebte ihn. Sie wollte ihn verstehen. Sie wollte begreifen, was ihn so belastete, damit sie ihm helfen konnte, diese Last zu tragen.
Auch er spürte die Kälte um sich, doch er beachtete sie nicht. Er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mittlerweile war er sich nicht mehr ganz sicher, ob es die Worte waren, die ihn so ihm so schwer im Herzen lagen, denn er fühlte in seinem Inneren nichts leichter werden. Trotzdem sprach er weiter: "Vor allem will ich nicht mehr gebraucht werden, nicht mehr entscheiden müssen. Nicht mehr daran verzweifeln, dass alles so ist wie es ist und nicht mehr hoffen, dass es irgendwann besser wird. Ich will das alles nicht mehr. Ich will ..." Er sprach nicht mehr weiter, er konnte nicht mehr.
Ein Zittern ging durch ihren Körper als ein weiterer Windhauch sie umwehte. In letzter Hoffnung suchte sie nach einer Chance, einen Blick auf den Mann zu werfen, den sie einmal kennengelernt hatte. Doch sie fand ihn nicht. So gab sie nach und führte seinen Satz zu Ende: "... nicht mehr Leben?"
Sie hoffte, die richtigen Worte gewählt zu haben. Vielleicht wären sie stark genug, um ihn doch noch zu erreichen oder zumindest ein Fenster zu ihm zu öffnen. Vielleicht …
"Wenn es so einfach wäre." Er spürte sein Herz noch genauso schwer in seiner Brust wie zuvor. Nichts hatte sich geändert. Alles was er hervorgebracht hatte, waren leere Hülsen. "Aber selbst das was ich will, will ich nicht mehr."
Dieses Mal blieben seine Worte allein. Niemand wollte ihnen Gesellschaft leisten. Einsam rollten sie zum Rand des Weges und dann über das Gras des Hügels hinunter in die bereits in Dunkelheit verschwindende Landschaft hinaus.
Für ihn gab es nichts mehr zu sagen. Er stand auf und machte sich auf den Weg nach Hause.
Benommen ließ er sie zurück. Ein paar Augenblicke blieb sie sitzen und wusste nicht, was sie tun sollte. Dann begann sie mit ihren kalten und klammen Fingern seine Worthülsen einzusammeln. Ihr erschienen sie schwer und sie lagen kalt in ihrem Herzen, aber sie hoffte, sie könne ihm damit helfen.
